Das deutsche Chagas-Projekt:
Aufklären, versorgen, Übertragung verhindern
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Die Chagas-Krankheit kommt vor allem in Lateinamerika und südlichen Teilen der USA vor, ihre Verbreitung durch Mi¬gration und Tourismus reicht bis Europa: Nach Schätzungen sind hier 60 000 bis 120 000 Menschen chronisch infiziert, viele wissen nichts davon. Hieraus ergibt sich das Risiko einer potenziellen Ausweitung der Krankheit beispielsweise über Blutspenden. Auf der Pressekonferenz des CRM Centrum für Rei-semedizin anlässlich des 18. Forum Reisen und Gesundheit im Rahmen der ITB 2017 informiert ein Experte über Übertragungswege und die Arbeit des deutschen Chagas-Projekts ELCiD.

Die Chagas-Krankheit zählt nach Angaben der WHO zu den "vernachlässigten Tropenkrankheiten" (neglected tropical diseases, NTDs) - also zu jenen armutsassoziierten Krankheiten, die in den Tropen und Subtropen vorkommen, zu deren Bekämpfung international aber zu wenig unternommen wird. Weltweit sind sechs bis sieben Millionen Menschen mit dem Parasiten Trypanosoma cruzi infiziert, der die Chagas-Krankheit verursacht. Jährlich sterben daran immer noch mehr als 10 000 Menschen. "Raubwanzen übertragen in der Regel durch ihre Ausscheidungen den Parasiten über einen Biss an schlafende Kinder und Jugendliche", erklärt Dr. med. Thomas Zoller von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin. Reflexartig reiben diese im Schlaf die Absonderungen dann in die Bisswunde. So gelangen die Parasiten in den Körper. Die Wanzen leben in den Ritzen unbefestigter Häuser in ländlichen Regionen.

Die Chagas-Krankheit verläuft in zwei Phasen: Viele Betroffene merken nichts von der ersten, akuten Phase direkt nach der Infektion. Diese kann mit einer leichten Schwellung der Bisswunde und grippeartigen Symptomen einhergehen. Manchmal schwillt auch ein Augenlid an. Nur bei einem Drittel der Infizierten kommt Chagas in der zweiten, der chronischen Phase zum Ausbruch, oft Jahre oder Jahrzehnte nach der Übertragung. Betroffene leiden entweder an einer chronischen Herzerkrankung, die zu Herzrhythmusstörungen und chronischem Herzversagen führt. Oder sie leiden an chronischen Verdauungsstörungen, da der Parasit das Nervensystem des Darms angreift und sich Darm und Speiseröhre dadurch ausweiten können. "Nur in der akuten Phase kann die Krankheit mit Aussicht auf Heilung medikamentös behandelt werden", erläutert Dr. Zoller, der am deutschen Chagas-Projekt mitarbeitet. Später stehe die Behandlung der Komplikationen der Erkrankung im Fokus.

"Für Reisende ist das Risiko, sich in Lateinamerika mit dem Erreger anzustecken, gering", so Zoller. Zwei Ansteckungswege seien möglich: Infizierte Raubwanzen könnten über Blätter oder Früchte in frisch gepressten Fruchtsaft oder Zuckerrohrsaft gelangen. Über die Schleimhaut des Mundes und der Speiseröhre werde der Erreger dann beim Trinken aufgenommen. Daneben bestehe eine Infektionsgefahr, wenn Reisende sich in Lateinamerika unter sehr einfachen Bedingungen, also ohne feste Behausung oder in einfachen Hütten, insbesondere in Waldnähe, aufhalten. Schutz bieten Bettnetze, sofern sie korrekt angebracht sind und immer ein ausreichender Abstand zwischen dem Netz und dem Körper besteht.

Einmal infiziert, sind Betroffene lebenslang Überträger des Parasiten: durch Blut- oder Organspenden wird der Erreger weitergegeben, infizierte Mütter übertragen ihn auf ihr Neugeborenes. Hier knüpft das deutsche Chagas-Projekt an: "Wir gehen davon aus, dass 1,3 bis 1,7 Prozent der in Deutschland lebenden lateinamerikanischen Migranten mit Chagas infiziert sind", sagt Dr. Zoller. "Zugleich ist die Krankheit in medizinischen Fachkreisen nur wenig bekannt, und es gibt kaum Behandlungsangebote." Das deutsche Chagas-Projekt habe es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Migranten und Reiserückkehrer über die Krankheit aufzuklären, Betroffene zu behandeln und eine Übertragung zu verhindern. "Wir sammeln Daten, die auch die Leitlinien im Bereich der Blut- und Organspende sowie der Schwangerenbetreuung verbessern sollen", erklärt der Experte. In Deutschland findet derzeit kein systematisches Screening bei Menschen mit einem epidemiologischen Risiko für eine Chagas-Infektion statt.

Über die Chagas-Krankheit, mögliche Schutzmaßnahmen für Reisende und die Arbeit des deutschen Chagas-Projekts informiert Dr. Zoller am 23. Februar 2017 auf der Pressekonferenz des CRM Centrum für Reisemedizin in Berlin. Dann diskutieren die Experten auch über neue Reiseimpfungen, das Reisen mit Babys und Kleinkindern sowie die Prävention und Akutbehandlung von Reisedurchfall.

Literatur:
  • Deutsches Chagas-Projekt ELCiD, http://chagas.info/
  • Basile L., Jansa JM., Carlier Y., Salamanca DD., Angheben A., Bartoloni A et al.: Chagas disease in European countries: the challenge of a surveillance system. Euro Surveill Bull Eur Sur Mal Transm Eur Commun Dis Bull. 2011;16(37).
  • Carter YL., Juliano JJ., Montgomery SP., Qvarnstrom Y.: Acute Chagas Disease in a Returning Traveler. Am J Trop Med Hyg. 2012 Dec 5;87(6):1038-40.
  • RobertKoch-Institut. Epidemiologisches Bulletin Nr. 13. 2005 Apr 1
  • WHO, Chagas disease (American trypanosomiasis), Fact sheet, Updated March 2016, http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs340/en/
 
14. Februar 2017
 
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Stephanie Priester
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