Ein Sechstel der Europäer weiß nicht, dass Missbrauch von Antibiotika diese weniger effektiv macht
Sorgsamer Umgang mit Antibiotika: Gerade auch für Reisende wichtig
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Die zunehmende Verbreitung von Keimen, die auf Antibiotika nicht mehr ansprechen, gehört zu der größten globalen Herausforderung in der Medizin. Auch der weltweite Tourismus hat einen Anteil an der Ausbreitung multiresistenter Erreger. Verschiedene Studien zeigen, dass zwischen 20 und 30 Prozent der Reisenden, die ein Land mit geringem Hygienestandard besuchen, im Anschluss mit multiresistenten Darmkeimen in die Heimat zurückkehren. Das Risiko erhöht sich noch durch die Einnahme eines Antibiotikums. Reisende sollten im Umgang mit Antibiotika deshalb besonders sorgsam sein, teilt das CRM Centrum für Reisemedizin anlässlich des Europäischen Antibiotikatages am 18. November mit.

Eine finnische Studie aus der Fachzeitschrift Clinical Infectious Disease aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Ergebnis, dass jeder fünfte Tourist, der Länder mit niedrigen Hygienestandards bereist, mit multiresistenten Darmkeimen, sogenannten ESBL-bildenden Bakterien, in die Heimat zurückkehrt. Das Risiko dafür stieg, wenn Urlauber unterwegs an Reisedurchfall erkrankten und erhöhte sich noch einmal deutlich, wenn ein Antibiotikum eingenommen wurde, zeigt die Untersuchung. Je nach Reiseland waren bis zu 80 Prozent der Urlauber, die unterwegs Antibiotika eingenommen hatten, im Anschluss mit multiresistenten Darmkeimen besiedelt. Der Grund: Die Antiinfektiva schädigen die natürliche Darmflora, Bakterien können sich leichter ansiedeln und ausbreiten. Nicht vollständig geklärt ist, wie die Keime auf Reisende übertragen werden. Sie bleiben jedoch mitunter länger als ein halbes Jahr im Darm der Betroffenen nachweisbar.

"Gegen Antibiotika resistente Bakterien müssen nicht notwendigerweise krank machen, die Träger selbst entwickeln oft keinerlei Symptome", erklärt Professor Dr. med. Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin. Multiresistente Erreger werden jedoch zu einem großen Problem, wenn sie auf geschwächte Personen treffen. Dann können sie verschiedene Infektionen auslösen, die wegen der Resistenz des Keims nur schwer zu behandeln sind.

"Mit Antibiotika sollte jeder, und gerade auch Reisende, sehr gewissenhaft umgehen", betont Jelinek. Sehr häufig sei die Einnahme unnötig - etwa bei der Behandlung von einfachem Reisedurchfall. Wenn Antibiotika eingenommen werden, dann sollte zuvor möglichst ein Arzt oder eine Klinik, die nach westlichem Standard behandeln, konsultiert werden. Wichtig sei auch, sich genau an die Empfehlungen von Arzt oder Beipackzettel zu halten und das Medikament nicht etwa früher abzusetzen, auch wenn die Erkrankung bereits abgeklungen ist.

Dass multiresistente Erreger gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern - Indien, Südostasien, Afrika sowie Mittel- und Südamerika - so weit verbreitet sind, ist Folge der oftmals fehlenden Regulierung des dortigen Arzneimittelmarktes. Dadurch kommt es in vielen Ländern zu einer unkontrollierten Verbreitung antibiotischer Medikamente und damit zur Entwicklung immer neuer Resistenzen. "Zudem kämpfen viele Schwellen- und Entwicklungsländer mit dem Problem der Arzneimittelfälschungen", so Jelinek. Nachgeahmte Präparate, die oft zu wenig antibiotischen Wirkstoff enthalten, helfen nicht ausreichend, befeuern aber dennoch die Entwicklung von Resistenzen.

"Auch die Ärzte hierzulande sind gefragt: Bei der Aufklärung von Reisenden, aber auch bei der Berücksichtigung möglicher importierter Resistenzen bei Reiserückkehrern. Diese müssen sowohl bei der Behandlung der Reisenden selbst, als auch als potentielle Gefahr für andere Patienten - etwa bei Krankenhausaufenthalten - mehr in den Blick rücken", so Jelinek.

Literatur:
http://ecdc.europa.eu/de/eaad/Pages/Home.aspx

Antimicrobials Increase Travelers' Risk of Colonization by Extended-Spectrum Betalactamase-Producing Enterobacteriaceae Kantele et al., Clinical Infectious Disease 2015, 60 (6): 837-846
http://cid.oxfordjournals.org/content/early/2015/01/07/cid.ciu957.full

http://www.uniklinikum-leipzig.de/r-pressemitteilungen.html?modus=detail&pm_id=5655
 
18. November 2015
 
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Juliane Pfeiffer
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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