Aktuelle Weltseuchenlage
Dr. med. Klaus-J. Volkmer
 
Vor 125 Jahren, im Dezember 1888, kapitulierte der französische Ingenieur Ferdinand Marie Vicomte de Lesseps vor einer Krankheit, dem Gelbfieber. Der Bau des Panamakanals wurde vorerst eingestellt, nachdem während der siebenjährigen Bauzeit mindestens einhunderttausend Arbeiter verstorben waren. Derartig spektakuläre Ausbrüche dieses hämorrhagischen Fiebers sind Geschichte. Trotzdem bleibt die Weltseuche mit ihrem potenziell tödlichen Risiko eine Bedrohung für den Einzelnen und die Gesellschaft.

Dengue, Chikungunya und West Nile-Fieber, die anderen Arbovirosen mit Weltseuchencharakter, zeigen auch im letzten Jahr steigende Fallzahlen und breiten sich im Gefolge ihrer Vektoren weiter aus. Als Hauptursachen gelten Klimaerwärmung und zunehmende Mobilität von Menschen und Frachten.

Von den arthropoden-übertragenen Weltseuchen hat nach wie vor die Malaria die größte Bedeutung. Ihre Entwicklung in den einzelnen Regionen wird z.T. konträr diskutiert. Im letzten Malaria-Report von 2012 rechnet die WHO weltweit mit 219 Mio Erkrankungen und 660.000 Todesfällen pro Jahr, das entspricht im Vergleich zum Jahr 2000 einem Rückgang der Inzidenzen um 17% und der Todesfälle um 25%. Nach neueren Angaben auf wissenschaftlicher Basis liegt die Zahl der Todesfälle aber wesentlich höher und ist vor allem außerhalb Afrikas nicht nur ein Problem der Kleinkinder. Von den 104 Staaten mit Malariaübertragung sind die Fallzahlen in 42 Ländern im letzten Jahrzehnt um mehr als 50% zurückgegangen, vor allem in Südamerika. In den anderen hat sich wenig geändert oder die Inzidenzen sind angestiegen, wie z.B. in Indien: Schätzungsweise 24 Mio Menschen sind hier im letzten Jahr erkrankt.

Bei den oralen Infektionswegen hat sich die Cholera als klassische Weltseuche schwerpunktmäßig nach dem Erdbeben 2010 auf die Insel Hispaniola verlagert. Regionale Ausbrüche gibt es immer wieder in Afrika, während die Fallzahlen in Asien, wo die Krankheit ursprünglich einmal herkommt, eher niedrig sind. Reisemedizinisch spielt sie keine Rolle; trotz hohen Reiseaufkommens wurden in den letzten zehn Jahren in Deutschland nur 18 Importe gemeldet.

Bei den Durchfallerkrankungen sind es die Noroviren, die im vorigen Jahr als lokale Ausbrüche in einer Reihe von Industrieländern wieder Schlagzeilenmachten. 112.000 laborbestätigte Erkrankungen wurden allein bei uns gemeldet. Der vor einigen Jahren beobachtete Boom auf Kreuzfahrtschiffen hat sich allerdings nicht wiederholt. Es ist von einer weltweiten Verbreitung der Viren mit einem breiten Wirtsspektrum auszugehen, wenn auch die Daten aus den Entwicklungsländern spärlich sind.

Positives ist von der Poliomyelitis-Front zu vermelden. Hier sind die Fallzahlen in den letzten Jahren kontinuierlich rückläufig, Indien gilt seit Februar vorigen Jahres als poliofrei, nachdem ein Jahr lang kein Krankheitsfall beobachtet wurde. Probleme im Detail werden die Endphase des Ausrottungsprogramms allerdings noch über einige Jahre hinziehen, wie der aktuelle Nachweis von Wildvirus Typ 1 an zwei Orten in Ägypten zeigt,einem Land, das seit 2004 poliofrei war.

Von den aerogenen Infektionen hat die Tuberkulose als "big killer" unter den Weltseuchen zweifellos die größte Bedeutung, insbesondere dort, wo sie mit der Immunschwäche AIDS korreliert. Besonders betroffen sind die armen Länder, vor allem in Afrika südlich der Sahara, wo die Inzidenzen für Tb z.Tl. über 300 auf 100.000, die Prävalenzen für AIDS z.T. über 20% liegen. Medizinische Maßnahmen allein sind hier nicht ausreichend, eine rasche Lösung dieser Probleme ist nicht in Sicht.

Eine kontinuierliche Beachtung verdienen die Meningokokken, die durch ihre Eigenschaft, Kapselantigene auszutauschen, eine Populationsimmunität leicht unterwandern können. Im einzigen "Endemiegebiet", dem afrikanischen Meningitisgürtel, dominiert nach verschiedenen regionalen Ausbrechern wieder die Serogruppe A, wenngleich mit einem neuen Stamm (ST 2859), was sich immunologisch und klinisch gottlob nicht auswirkt. Anders in Südamerika, bisher reines B-Gebiet, wo im NO von Brasilien seit einigen Jahren die Serogruppe C vordringt. In Europa registriert man, wie zuvor schon in Nordamerika, derzeit einen Shift zur Serogruppe Y, deren Anteil in Nordeuropa die 30%-Marke bereits überschritten hat. Sowohl C als auch Y tendieren klinisch zu schwereren Krankheitsbildern und atypischen Verläufen.

Besondere Bedeutung in der Reisemedizin haben nach wie vor die Masern. Hohes Krankheitsaufkommen bei niedrigen Durchimpfungsraten in Afrika, SO-Asien, aber auch in Europa führen noch immer zu Re-importen in Länder, die die Krankheit bereits seit Jahren ausgerottet haben; das trifft vor allem den amerikanischen Kontinent. 2011 wurden allein in den USA 222 Erkrankungen registriert, fast alle ließen sich auf Importe zurückführen. Wegen ihres höheren Reiseaufkommens spielen die Europäer hierbei eine tragende Rolle. Etwa 8.400 Erkrankungen wurden im vorigen Jahr aus insgesamt 29 europäischen Ländern gemeldet, die meisten aus Rumänien, UK, Frankreich, Italien und Spanien mit zusammen 87% des Krankheitsaufkommens. In D wurden 2012 nur 167 Fälle registriert; im Jahr davor waren es noch 1.607. Vielleicht klingt es etwas vermessen: Hier hat der Reisemediziner durch Kontrolle oder Aufbau einer stabilen Immunität bei Reisenden die Möglichkeit, aktiv in das Geschehen der Weltseuchenlage einzugreifen.