Reisedurchfall - Therapie & Prävention
Prof. DDr. Martin Haditsch
 
Einleitung
Reisediarrhoe zählt zu den häufigsten Krankheiten auf Reisen, bis über 80% aller Reisenden können pro Monat Aufenthalt davon betroffen sein (bis zu 66% bereits in der ersten Woche). Üblicherweise handelt es sich hierbei um eine triviale Krankheit. Zumeist wird sie durch einen toxinproduzierenden Darmkeim, nämlich ETEC (enterotoxische/enterotoxigene E. coli) ausgelöst. Die daraus resultierende Immunität bedarf eines ständig wiederkehrenden Kontaktes, der nur bei der ansässigen Bevölkerung gewährleistet ist. Somit können Reisende bei wiederholten Besuchen auch immer wieder erkranken, bei Einreise entsprechen sie dem immunologisch naiven Status kleiner Kinder. Somit ist auch klar, dass bei dem Genuss der gleichen Nahrungsmittel in erster Linie Reisende erkranken, was auch zu entsprechenden Koseworten wie z.B. "Turista" geführt hat.

Die angesprochene Klassifikation als "banale" Krankheit gilt allerdings nur für Personen, die sonst keine Probleme mit dem Flüssigkeitshaushalt haben, das sind üblicherweise gesunde Jugendliche und Erwachsene. Im Umkehrschluss können kleine Kinder, ältere Leute, Reisende mit Grundkrankheiten wie Diabetes mellitus, Nierenleiden oder Thromboseneigung auch schwer bzw. komplikativ erkranken. Nicht zu vergessen sind in diesem Kontext natürlich auch Reisen, wo durch Reisesaison und -region (Hitze) bzw. erhöhte körperliche Anstrengung - wie z.B. auch beim Bergsteigen, Klettern und Trekking (passend zum heurigen Schwerpunktthema des Forums) - eine Dysbalance des Wasserhaushaltes droht. So kann selbst für ansonsten Gesunde eine primär harmlose Krankheit auch durchaus bedrohlich werden.

Therapie
Grundlage der Therapie ist stets der Versuch, auf diesem Weg verlorene Flüssigkeit und Elektrolyte zu ersetzen und durch entsprechende Energiezufuhr dem Körper wieder zu Kräften zu verhelfen. Hierzu gibt es speziell zusammengesetzte Lösungen (wie z.B. Normolyt® und Normhydral®, die der Rezeptur der ORS ["oral rehydration solution"] der Weltgesundheitsorganisation entsprechen), notfalls sind aber auch industriell angebotene Elektrolytlösungen, ausgesprudeltes Coca-Cola (1:1 mit abgekochtem oder industriell verpacktem Wasser verdünnt) in Kombination mit Salzgebäck oder gesalzener Orangensaft (selbst ausgepresst oder industriell verpackt) als Reserverezepte anwendbar. Problematisch sind massive Flüssigkeitsverluste wie beispielsweise bei Cholera (bis zu 7 Liter, ja laut Fachliteratur in Einzelfällen sogar bis zu ca. 20 Liter/Tag). In diesen Fällen muss auf einen intravenösen Flüssigkeits- und Elektrolytersatz zurückgegriffen werden.

In den meisten Situationen benötigt ein Reisedurchfall keine kausale Therapie. Mangels diagnostischer Möglichkeiten kommt im Bedarfsfall ohnedies nur eine kalkulierte Therapie in Frage. Während bei Virusinfektionen (Noro-, Adeno-, Rotavirus, etc.) keine spezifischen Präparate zur Verfügung stehen, gibt es für bakterielle und parasitäre Erreger gute Therapieoptionen. Bei Verdacht auf eine unkomplizierte bakteriell bedingte Diarrhoe ist Rifaximin (Xifaxan®) eine sehr gute Option, bei komplizierter Diarrhoe (d.h. begleitet von Fieber bzw. Schleim- oder Blutbeimengungen zum Stuhl) wird mittlerweilen auch international dem Azithomycin (Zithromax®) der Vorzug gegeben, da zahlreiche Erreger inzwischen gegen Ciprofloxacin resistent (geworden) sind. Ein Verdacht auf eine parasitäre Ursache (z.B. therapierefraktärer Durchfall oder typische Beschwerden wie bei Lamblien oder Amöben) sollte üblicherweise durch ein Labor bestätigt werden, in Ausnahmefällen kann auch Metronidazol als Notfallselbstmedikation eingesetzt werden.

Prävention
Bei sicherheitsbewussten Reisenden muss es aber - selbst in Hochrisikogebieten - nicht soweit kommen. Die konsequente Einhaltung des alten Spruches "Peel it, boil it, cook it - or forget it!" (Schäl es, koche es, gare es durch - oder lass es bleiben!) bietet zweifellos einen erheblichen Schutz, ist meist aber nur eine gewisse Zeit durchzuhalten. Zusätzlich gelten auch das Meiden unbehandelten Wassers bzw. von Eiswürfeln und offenen kalten Getränken als wichtige Aspekte der Expositionsprophylaxe. Letztlich spielt ja die minimale Infektionsdosis die entscheidende Rolle. So gibt es Situationen, in denen selbst eine kurze / einmalige / unbewusste Durchbrechung dieser Regel (Restaurant, Einladung, einzige Möglichkeit wie z.B. bei Abenteuerreisen oder auf dem Tauchboot) auf Grund eines hohen Infektionsdruckes zur Infektion führt. Eine Stärkung der Verteidigungsbarrieren ist durch mehrere Maßnahmen möglich: hochprozentige alkoholische Getränke (OHNE Eiswürfel!) wie auch Bittertinkturen oder bittere Tees stimulieren die Magensäureausschüttung (wichtige unspezifische Verteidigungslinie), zusätzlich kann die Schluckimpfung gegen Cholera (Dukoral®) als spezifische Maßnahme auf Grund eines der verwendeten Impfantigene (B-Subunit des Cholera-Toxins; sieht dem hitzelabilen ETEC-Toxin - produziert von bis zu 75% der nachgewiesenen Stämme - täuschend ähnlich) zu einer beachtlichen Kreuzimmunität (für 3 bis 7 Monate) und somit zu einer erheblichen Schutzrate gegen ETEC führen. Cholera selbst ist bei Reisenden extrem selten, eine diesbezügliche Impfindikation nur selten gegeben (die Schutzrate gegen Cholera ist wiederum aber sehr gut und hält ca. 2 Jahre an).

Obwohl es sich um keine klassischen Durchfallserreger handelt sollten Typhus und Paratyphus nicht unerwähnt bleiben, die Stichimpfung (Typhim® bzw. Typherix®) wirkt nur gegen Salmonella Typhi (dafür aber besser und länger als die Schluckimpfung), der Schluckimpfung (Typhoral® bzw. Vivotif®) wird dafür (und einzelne Studien scheinen das auch zu belegen) auch eine gewisse Schutzrate vor Salmonella Paratyphi (vor allem A) nachgesagt. In Sonderfällen (VIPs, Kurzzeitaufenthalte von Hochrisikopatienten) kommt auch immer wieder eine Chemoprophylaxe (vorsorgliche Einnahme von Antibiotika) zum Einsatz, eine großzügige Handhabung dieser Form der Vorsorge ist aus verschiedenen Gründen allerdings nicht zu empfehlen.