Aktuelles aus der Höhenmedizin - Vorakklimatisation in künstlicher Höhe zur Vorbereitung auf Berg- und Trekkingtouren
Martin Faulhaber
 
Akute Höhenexpositionen, wie sie beim Bergsteigen und Trekking vorkommen, sind mit dem Risiko für Höhenerkrankungen verbunden. Die akute Bergkrankheit (ABK) als häufigste Erscheinungsform ist selten lebensbedrohlich, reduziert aber die Chance auf den Gipfelerfolg und beeinträchtigt das Wohlbefinden und die Sicherheit der Betroffenen. In Abhängigkeit von der individuellen Anfälligkeit und vom Aufstiegsprofil bzw. dem Grad der Akklimatisation beträgt die Inzidenz beispielsweise in den Westalpen bis über 50%. Eine Vorakklimati-sation in künstlicher Höhe (z.B. Höhenkammern) wird in den letzten Jahren immer populärer; es existieren allerdings keine einheitlichen Empfehlungen für eine effektive Durchführung. Dieser Vortrag präsentiert auf Basis der wissenschaftlich publizierten Ergebnisse die Möglichkeiten und Grenzen einer Vorakklimatisation in künstlicher Höhe.

Eine effektive Möglichkeit der Vorakklimatisation dürfte darin bestehen, für 1 bis 2 Wochen vor dem geplanten Höhenaufenthalt in künstlicher Höhe zu Schlafen. Die Studienergebnisse zeigen eine um 50 bis 70% reduzierte ABK-Inzidenz. Auch kürzere Vorakklimatisationsprotokolle in Form von 6 bis 15 Expositionen zu je 3 bis 4 Stunden (simulierte Höhe 4300 m) zeigten eine Reduzierung der ABK von 50 bis 100%, allerdings in unkontrollierten Studiendesigns. Eine Doppelblindstudie untersuchte ein 4-wöchiges Vorakklimatisationsprogramm bestehend aus 9 Einheiten Ausdauertraining (2500 bis 3500 m) und anschließend 4 passiven Sitzungen (4500 m). Beim nachfolgenden Aufstieg in natürlicher Höhe war die AMS-Inzidenz auf 3611 m vor und nach der ersten Nacht um mehr als 70% reduziert; allerdings zeigten sich bei weiterem Aufstieg auf 4559 m keine positiven Effekte der Vorakklimatisation mehr. Eine zeiteffiziente Möglichkeit der Vorakklimatisation stellen 7 passiven Sitzungen zu je 1 bis 2 Stunden (4500 m) dar. Aufbauend auf Beobachtungen in unserem Labor zeigte eine Doppelblindstudie positive Effekte auf die ABK-Symptomatik; die Reduktion der ABK-Inzidenz von 39% war allerdings statistisch nicht signifikant. Als mögliche Mechanismen werden sowohl eine Erhöhung der hypoxischen Atemantwort als auch Anpassungen des autonomen Nervensystems in Form einer Stressadaptation diskutiert.

Obwohl die untersuchten Vorakklimatisationsprotokolle erfolgversprechende Ansätze darstellen, das ABK-Risiko bei einem nachfolgenden Höhenaufenthalt zu reduzieren, müssen künftige Studien die Wirksamkeit bei Expositionen in natürlicher Höhe verifizieren, verschiedene Protokolle bei spezifischen Zielgruppen (z.B. ABK-anfällige Personen) vergleichen und auch Effekte bei längerfristigen Höhenexpositionen untersuchen. Abschließend bleibt anzumerken, dass eine Vorakklimatisation in künstlicher Höhe die Akklimatisation unter reellen Höhenbedingungen mit ihren komplexen Anpassungen, z.B. an die speziellen Umweltbedingungen und die sportspezifische Belastung, nicht gleichwertig ersetzen kann und auch keine 100%ige Sicherheit vor Höhenerkrankungen geben kann. Sinnvoll eingesetzt könnte sie zu einer Verringerung des Risikos bei Bergsteigern und Trekkern beitragen.