Medizinisches Update zum Sporttauchen
Dr. med. Volker Warninghoff
 
Durch die exotischen und verborgenen Schönheiten der Unterwasserwelt ist das Tauchen ein faszinierender Sport, der jedes Jahr viele Menschen anlockt, den Einstieg in das nasse Medium zu wagen. Die Zahl der Sporttaucher hat sich in den letzten 2 Jahrzehnten stetig erhöht und dürfte inzwischen bei geschätzten 1 - 1,5 Millionen Tauchern in Deutschland liegen. Mit den heute zur Verfügung stehenden Tauchausrüstungen ist insbesondere das Tauchen mit Pressluft relativ leicht und schnell erlernbar, sofern keine generellen gesundheitlichen Vorbehalte gegen eine Exposition im Wasser und unter Überdruck bestehen. Bei der meist relativ gemächlichen und atraumatischen Fortbewegung unter Wasser verwundert es nicht, dass sich praktisch alle Altersgruppen und auch Fitnessgrade von diesem „Sport“ angesprochen fühlen. Dies bedeutet aber nicht, dass für den „Spaziergang unter Wasser“ auf eine gesundheitliche Tauglichkeit und -fitness verzichtet werden kann, da jederzeit plötzliche und unerwartete Gefährdungen und akute Zwischenfälle auftreten können, welche eine entsprechende Reaktion oder körperliche Leistungsfähigkeit auch von einem Sporttaucher abverlangen.

Für den niedergelassenen ärztlichen Kollegen besteht bei der Anfrage nach einer Tauchtauglichkeitsuntersuchung die Herausforderung darin, diesem sehr unterschiedlichen Kollektiv mit der sehr breiten Spreizung der Gesundheitszustände bei der Beurteilung der Tauglichkeit gerecht zu werden. Die Kunst liegt hierbei in der Ab- und Einschätzung von vorbestehenden Gesundheitsstörungen in Bezug auf ihre Beeinflussung durch die unterschiedlichen physikalischen und physiologischen Bedingungen unter Wasser und den dabei möglichen Auswirkungen auf die Sicherheit eines Tauchganges, die Gefährdung des Tauchers oder gar der Gefährdung des Tauchpartners, bzw. einer ganzen Tauchgruppe. Reismedizinische Gesichtspunkte, insbesondere Eignungen für tropische und subtropische Umgebungsbedingungen sind hierbei meist parallel mit zu berücksichtigen.

Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) hat für Tauchtauglichkeitsuntersuchungen Richtlinien und Untersuchungsstandards festgelegt und fordert aus tauchmedizinischer Sicht, das derartige Untersuchungen nur durch entsprechend fachkundige Ärzte vorgenommen werden sollten, welche über eine entsprechend zertifizierte Ausbildung verfügen. Derzeit entspricht dieses nicht unbedingt der täglichen Praxis. Lassen sich Tauchtauglichkeitsuntersuchungen in Deutschland über von der GTÜM geführte Ärztelisten meist noch relativ problemlos organisieren, sieht es in den Urlaubregionen häufig deutlich schlechter aus. Der Wunsch zu Tauchen entsteht zudem nicht selten spontan während des Urlaubes, Taucherärzte sind dann aber selten zu finden. Die Tauchsportanbieter haben darauf reagiert und Fragebögen entwickelt (z.B. PADI), die dann einen Ersatz für eine ärztliche Tauchtauglichkeitsuntersuchung darstellen sollen. Der Fragebogen dient bei genauerem Lesen und Hinschauen dabei aber weniger der Erhebung tatsächlicher medizinischer Befunde, als vielmehr dazu, den Taucher einen Haftungsausschluss gegenüber dem Tauchbasenleiter oder Tauchlehrer unterschreiben zu lassen. Mittlerweile liegen Gerichtsurteile vor, dass ein Tauchlehrer sich seiner grundsätzlichen Verantwortung zur Überprüfung der Tauchtauglichkeit seiner Schüler (ausgestellt von einem qualifizierten Untersucher) nicht entziehen kann, genauso wie ein Fachkollege Erklärungsnöte hätte, wenn er grundlegende Kontraindikationen bei der Durchführung einer Tauchtauglichkeitsuntersuchung nicht entdeckt hatte, weil er nicht über ausreichend fundierte Fachkenntnisse verfügte.

Neben diesen Grauzonenbereichen gibt es in den Urlaubsgebieten und hierzu zählen viele weit entfernte, überwiegend tropische und teilweise abgelegene Regionen, aber durchaus auch positive Entwicklungstrends. Die Optionen zur medizinischen Versorgung von Tauchunfällen haben sich häufig deutlich verbessert und von den medizinischen Fachgesellschaften wurden weltweit akzeptierte Behandlungsstandards entwickelt. Hierzu zählt auch die Leitlinie der GTÜM, welche im Jahr 2011 überarbeitet wurde, ohne dass an den Eckpfeilern der Therapie eines Tauchunfalls Grundsätzliches geändert werden musste. Neben allgemeinen notfallmedizinischen Maßnahmen zählt die umgehende normobare Sauerstoffgabe und die ausreichende Gabe von Flüssigkeit zu diesen Therapiesäulen, eine darüber hinaus gehende, standardisierte medikamentöse Therapie des Tauchunfalls existiert nicht. Die Durchführung einer hyperbaren Therapie bildet nach wie vor den (abschließenden) Goldstandard.

Im Bereich der Urlaubsregionen wurde aus den Erfahrungen mit Unfällen und Unfallursachen durchaus gelernt und wurden zur grundsätzlichen Absenkung der Häufigkeit von Dekompressionskrankheiten meist Tauchtiefengrenzen von 30 m eingeführt. Die Verwendung von Tauchcomputern ist fast überall Standard und lassen die Geräte mit der zunehmenden Integration von individuellen Parametern gegenüber der Vergangenheit nur noch deutlich konservativere Tauchgänge zu. An Bord der Tauchboote und -schiffe werden sehr häufig Erste- Hilfe-Ausrüstungen für einen Tauchzwischenfall bereit gehalten, dies beinhaltet insbesondere die Option zur Gabe von normobarem Sauerstoff. Das Personal auf den Tauchbooten ist durch entsprechende Kursangebote, z.B. vom Divers Alert Network (DAN), in der Regel gut in der Anwendung des normobaren Sauerstoffes ausgebildet, so dass das wesentliche „Medikament Sauerstoff“ bei einem Tauchunfall schnell „an den Mann“ gebracht werden kann. Auch Nebenaspekte wie z.B. das Anbieten einer ausreichenden Flüssigkeitsmenge nach normalen Tauchgängen findet in der Anbietung von freien Getränken durchaus zunehmende Berücksichtigung. Darüber hinaus hat sich die Zahl der verfügbaren Behandlungsdruckkammern selbst in entfernteren Urlaubsregionen ständig erhöht, der technische Standard verbessert und wird von der zuvor angesprochenen Organisation auch ein weltweites Druckkammerverzeichnis gepflegt.

Trotz all der positiven Entwicklungen lassen sich Zwischenfälle im Sinne einer blasenbedingten Erkrankung nicht völlig vermeiden, sei es im Sinne eines statistischen Restrisikos zur Erleidung einer Dekompressionskrankheit, oder aufgrund der bei Tauchgängen meist latent vorhandenen Gefährdung durch ein pulmonales Barotrauma, verursacht durch einen Notaufstieg oder aufgrund einer vorbestehenden gesundheitlichen Problematik. Die häufigsten gesundheitlichen Störungen um das Tauchen bleiben allerdings die zahlreichen Fassetten der Barotraumen im HNO-Bereich.

Mit der technischen Weiterentwicklung von Tauchgeräten sind zunehmend Unfälle mit nicht nur gerätebedingten Ursachen, sondern sehr häufig kombiniert mit menschlichen Ursachen, den „Human Factors“, zu beobachten. Gleichzeitig verlaufen Zwischenfälle nicht selten mit einer deutlich milderen Symptomatik und lassen sich nicht ohne weiteres den klassischen tauchbedingten Diagnosen zuordnen. Hierdurch wird wiederum die Wahrnehmung eines Zwischenfalles auf einer Tauchbasis oder aber auch die medizinische Steuerung nicht unwesentlich erschwert, bzw. beeinflusst. Bei der Analyse von Zwischenfällen können nicht selten auf den verschiedenen Handlungsebenen Defizite aufgezeigt werden, die für sich betrachtet zunächst nicht unbedingt sehr ernst sein müssen, aber in der Negierung, dem fehlenden Erkennen und Abfangen des Fehlers auf den folgenden Handlungsebenen und durch die Addition von weiteren Versäumnissen letztlich zu einem schweren Zwischenfall führen können.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz der weiten Verbreitung des Tauchsportes in der Gesamtbetrachtung der Tauchaktivitäten relativ wenige Zwischenfälle passieren. Bei dieser teilweise trügerischen Sicherheit wird es aber trotzdem auch weiterhin zu Zwischenfällen kommen. Grundsätzlich sollten Tauchausbilder und Taucher ihr waches Bewusstsein für die Notwendigkeit von sinnvollen Sicherheitschecks pflegen und erhalten, die gesundheitlichen Voraussetzungen vor der Aufnahme des Tauchsportes abklären und darüber hinaus permanent sensibilisiert bleiben für die derzeit größten Schwächen im System, die „Human Factors“.