Aktuelle Weltseuchenlage
Dr. med. K.-J. Volkmer
 
Was ist überhaupt eine „Seuche“? Nach einer modernen Enzyklopädie handelt es sich um eine „Infektionskrankheit, die infolge ihrer großen Verbreitung und der Schwere des Verlaufes eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt“ (Brockhaus). Das erste Reichsseuchengesetz von 1900 stufte Aussatz, Cholera, Fleckfieber, Gelbfieber, Pest und Pocken als Krankheiten von internationaler Bedeutung ein. Unter dem Aspekt der Absonderungspflicht führt das Bundesseuchengesetz von 1961 zuletzt noch Cholera, Pest, Pocken und virale hämorrhagische Fieber auf, das seit dem Jahr 2000 geltende Infekionsschutzgesetz nur noch Lungenpest und virale hämorrhagische Fieber. In der Neufassung der "International Health Regulations" von 2005 verlangt die WHO eine unbedingte Meldepflicht nur für Pocken, Polio (Wildvirus), neue Influenza und SARS. Alle erwähnten "Seuchen" haben für die Reisemedizin zahlenmäßig kaum eine Bedeutung.

In Einzelfällen können die Erreger derartiger Krankheiten allerdings mit Hilfe moderner Verkehrsmittel rasch über weite Distanzen verschleppt werden. Dabei spielte das Meer seit Alters her eine tragende Rolle. So reiste die Pest 1347 mit den Schiffen der Genueser von der Krim nach Sizilien und breitete sich von dort zur größten Epidemie aller Zeiten in ganz Europa aus. Bekannt ist der Austausch von Syphilis gegen Pocken zwischen Neuer und Alter Welt quer über den Atlantik unmittelbar nach der Entdeckung Amerikas. Beide Ereignisse hinterließen Tote im zweistelligen Millionenbereich.

In neuerer Zeit sind "Seuchenreisen" weniger spektakulär. Allerdings sind sie einer der wichtigsten Hinderungsgründe für Ausrottungsprogramme bestimmter Krankheiten, weil deren Erreger immer wieder in bereits sanierte Länder eingeschleppt werden. So rekrutierte sich fast die Hälfte der im letzten Jahr gemeldeten 647 Fälle von paralytischer Poliomyelitis aus 12 Ländern mit derartigen "Reimporten", endemisch war sie nur noch in 4 Ländern (Nigeria, Afghanistan, Pakistan, Indien) vertreten. Der amerikanische Kontinent, der seit 10 Jahren frei von Masern ist, bekommt immer wieder Nachschub aus der Alten Welt, vor allem aus Europa, wo von 29 Ländern im letzten Jahr noch etwa 30.000 Erkrankungen gemeldet wurden. Deutschland steht dabei mit 1.609 Fällen an vierter Stelle.

Nicht nur Erreger, auch Vektoren gehen auf Reisen. Hier ist es vor allem die durch die Erderwärmung begünstigte Ausbreitung der Aedes-Arten mit einer deutlichen Zunahme von Arbovirosen wie Dengue und Chikungunya. Vögel haben als „Carrier“ 1999 das West-Nile-Fieber in Amerika eingeschleppt und verbreitet. Die Vogelgrippe hat uns in den letzten Jahren des vorigen Jahrzehnts stark beschäftigt. Derzeit ist sie mit dem hochpathogenen A(H5N1)-Stamm noch in 6 Ländern (Ägypten, China, Bangladesh, Indien, Indonesien, Vietnam) endemisch; die Gefahr der Entwicklung humanpathogener Mutanten mit pandemischem Potential ist daher noch nicht vom Tisch.

Demgegenüber ist SARS, das „Severe Acute Respiratory Syndrome“, das in der ersten Hälfte der letzten Dekade ausgehend von China weltweit zu über 8.000 Erkrankungen mit hoher Letalität führte, seit 2005 aus unerklärlichen Gründen von der Bildfläche verschwunden. Erreger war ein Coronavirus mit hoher Kontagiosität von Mensch zu Mensch. „Ortsständig“ blieb das Gelbfieber bisher auf die beiden Kontinente Afrika und Amerika beschränkt, wo es immer wieder zu Einzelfällen, Clustern und Ausbrüchen kommt. Ein Übergreifen auf das tropische Asien konnte bisher verhindert werden, obwohl es dort geeignete Reservoire und Vektoren gibt.

Nach wie vor stehen die Durchfallerkrankungen mit geschätzten zwei Milliarden pro Jahr, darunter 1,5 Millionen Todesfällen bei Kindern, weltweit unter den Infektionskrankheiten an erster Stelle. Von den unterschiedlichen Erregern sind wohl die Noroviren am reisefreudigsten. Bis vor wenigen Jahren gab es um die hundert Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen mit Tausenden erkrankter Passagiere und Besatzungsmitglieder. Im ersten Halbjahr 2006 wurden allein auf 13 europäischen Schiffen 42 Ausbrüche mit insgesamt 1.500 Erkrankten registriert. Inzwischen ist es aus unerfindlichen Gründen ruhiger geworden. Spektakuläre Ausbrüche auf Schiffen und in Hotels sind seltener und mit rund 116.000 Erkrankungen wurden im letzten Jahr in Deutschland nur noch etwa halb so viel Erkrankungen gemeldet wie 2008. Dagegen hat die Cholera als eine der klassischen Weltseuchen für die Reisemedizin kaum eine Bedeutung. Hygienemangel und sehr hohe Keimzahlen sind erforderlich, damit sie klinisch manifest werden kann. Trotz weltweit geschätzter 3-5 Mio Erkrankungen pro Jahr wurden von 2001 bis 2011 nur 18 Importe nach Deutschland gemeldet.

Unter den Weltseuchen ist die Malaria weiterhin von großer Bedeutung; sie gilt noch immer als häufigste und wichtigste Tropenkrankheit. Für 2010 rechnete die WHO trotz eines gewissen Rückganges in einigen asiatischen und amerikanischen Ländern weltweit mit 216 Millionen Erkrankungen und 655.000 Todesfällen, die meisten davon bei afrikanischen Kindern. Neuere Studien gehen sogar von 1,2 Mio Todesopfern aus. Gerade Indien, das in den 60er Jahren als Muster für eine erfolgreiche Erdadikation galt, verzeichnet in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg der Inzidenzen und hat nach Afrika südlich der Sahara heute weltweit die zweithöchsten Fallzahlen. Für die reisemedizinische Beratung ist die Erkrankung mit ihrer differenzierten Epidemiologie weiterhin eine Herausforderung, die immer eine individuelle Risikoabwägung erfordert.

Höchste Priorität hat aus globaler Sicht weiterhin die HIV-Infektion. Etwa 33,3 Millionen Menschen sind derzeit betroffen, davon zwei Drittel in Afrika südlich der Sahara. 1,8 Mio. Todesfällen pro Jahr stehen 2,6 Mio Neuinfektionen gegenüber. Besonders erschwerend ist die Kombination mit der Tuberkulose einschließlich ihrer Resistenzprobleme. Die höchsten Prävalenzen für beide Erkrankungen finden sich im südlichen Afrika. Trotz hoffnungsvoller Erfolge auf kleinerer Ebene ist eine nachhaltige Lösung dieser Probleme weltweit noch nicht in Sicht.