Gifttiere am Meer
Prof. Dr. Dietrich Mebs
 
Baden, Schnorcheln und Tauchen, vor allem in tropischen Meeren, bergen Gefahren, die einen Urlaub zu einem unvergesslichen Erlebnis im negativen Sinne werden lassen.

Bei Begegnungen mit Quallen kommt es oft zu schmerzhaften, mitunter auch folgenreichen Nesselverletzung: Ödem und Hautnekrosen, aber auch Herz-Kreislauf-Probleme und plötzliches Herzversagen. Die gefährlichsten Quallen sind die Portugiesische Galeere (Physalia physalis, in allen Weltmeeren verbreitet) und die Würfelqualle oder Seewespe (Chironex fleckeri, im westlichen Pazifik). Das Übergießen der betroffenen Hautregion mit Weinessig inaktiviert die Nesselzellen, ärztliche Hilfe ist besonders bei den erwähnten Arten umgehend aufzusuchen.

Die eher mechanischen Verletzungen durch die überall gegenwärtigen Seeigel sind häufig, ihre Stacheln brechen leicht ab, bleiben in der Haut stecken und sind in der Regel nur schwer zu entfernen.

Stachelrochen tragen auf ihrem lang ausgezogenen Schwanz einen bis mehrere Stacheln. Tritt man auf einen Rochen, so schlägt dieser mit dem Schwanz um sich und trifft mit dem Stachel das Bein oder den Fuß, wobei der Stachel tief in Haut und Muskulatur eindringt und zu schweren, auch hier vorwiegend mechanischen Stichverletzungen führen kann. Stiche in Abdomen oder Thorax sind hierbei potenziell lebensbedrohlich. Zwar sind Verletzungen durch die Flossenstrahlen von Rotfeuer- und Skorpionsfischen wie auch des Steinfisches (Synanceja spp.) äußerst schmerzhaft, jedoch keineswegs tödlich, wie oft behauptet wird.

Weitaus häufiger sind jedoch Vergiftungen nach dem Verzehr von Meerestieren wie Muscheln, Krebsen und Fischen als eine besondere Form der Lebensmittelvergiftung. Neben IgEvermittelten Soforttypreaktionen (Nahrungsmittel-Allergien), bakteriell verursachten Vergiftungen infolge mangelnder Hygiene bei der Lagerung und Zubereitung, werden Muscheln und Fische mitunter unerwartet giftig. Auslöser sind giftige Algen, die als Algenblüten plötzlich auftreten, von den Muscheln aufgenommen werden und deren Toxine von ihnen gespeichert werden. Paralytische, neurotoxische oder gastrointestinale Symptome treten nach dem Verzehr der Muscheln auf, die lebensbedrohliche Lähmungen (Atemlähmung) oder Koma zur Folge haben können. Ciguatera ist eine Fischvergiftung, die im tropischen Indopazifik und in der Karibik auftritt, nicht im Atlantik und im Mittelmeer. Auch hier spielen giftige Algen eine Rolle, deren Toxine über die Nahrungskette akkumulieren und vor allem in Raubfischen hohe Konzentrationen erreichen, den bevorzugten Speisefischen. Übelkeit und Erbrechen nach dem Verzehr der Fische werden von Pruritus und neurologischen Symptomen wie Umkehr des Kalt- Warmempfindens gefolgt, die über Wochen und Monate anhalten. Die Prognose der Vergiftung ist allerdings gut, es kommt nur sehr selten zu tödlichen Komplikationen. Der Muschel oder dem Fisch sieht man es nicht an, ob sie giftig sind. Die Toxine sind enorm hitzeresistent und werden durch Braten oder Kochen nicht zerstört.

Spezifische Antidote, vor allem bei den Vergiftungen durch Muscheln oder Fisch gibt es nicht. Bei Quallen- und Stichverletzungen durch Fische ist eine symptomatische Behandlung einzige Option.