Sextourismus
Bettina Flörchinger
 
Im Jahr 1974 prägte das Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ den Begriff „Sextourismus“ in einem Bericht über die steigende Zahl deutscher Urlauber, die in sogenannten „Bumsbombern“ nach Thailand flogen, um dort als Hauptreisezweck Sexualkontakte mit Einheimischen aufzunehmen. Heute ist das Phänomen Sextourismus längst nicht mehr auf Thailand oder Südostasien beschränkt, sondern praktisch weltweit verbreitet, angefangen vom deutschtschechischen Grenzgebiet über viele afrikanische Länder, Südostasien bis zur Karibik und Lateinamerika. Die Zahl deutscher Sextouristen wird allein für Thailand auf jährlich bis zu 400.000 geschätzt. Dort werden etwa 14% des jährlichen Bruttoinlandproduktes im Rotlicht-Milieu erwirtschaftet. Bis zu geschätzten 2,8 Mio. Commercial Sex Workers (CSW) leben vom Verkauf von Sex-Leistungen, über 100.000 davon sind nach Angabe des internationalen Kinderschutz- Netzwerks ECPAT Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Die Ursachen von Sextourismus liegen einerseits in der ökonomischen Situation der einheimischen Bevölkerung, insbesondere der Frauen: Armut, Landflucht, Mangel an Bildung, Arbeitsplätzen, sozialer Absicherung und beruflichen Alternativen sowie niedrigste Arbeitslöhne, oft in Kombination mit Notsituationen wie z. B. der Verpflichtung, eine ganze Familie allein zu ernähren. Dem gegenüber steht die heutzutage leichte und – für Touristen der ersten Welt – billige Erreichbarkeit der Sextourismus-Destinationen.

Die Motive der Sextouristen sind vielfältig und reichen laut einer Befragung von Kleiber und Wilke von der Möglichkeit zu billigem Sex (möglichst ohne Kondom) über das Ausleben sexueller Präferenzen, die im Heimatland verboten oder tabuisiert sind, bis hin zum Wunsch nach einer emotionalen Beziehung bzw. Partnerschaft. Eine Schematisierung der Sextouristen ist schwierig. Viele Autoren teilen Sextouristen in hetero- und homosexuelle Männer, Sex- Touristinnen und Pädophile ein. Die Übergänge zu Reisenden mit Gelegenheits-Sex und sogenannten „Romance“-Touristen sind fließend.

Aus reisemedizinischer Sicht besteht sowohl für Sextouristen als auch für Reisende, die unterwegs „Gelegenheits-Sex“ haben, ein hohes Risiko der Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit (sexual transmitted infection, STI). Das RKI gab im Jahr 2010 den Anteil der im Ausland erworbenen STIs mit 15-25% an. Die HIV-Prävalenzraten der Commercial Sex Workers liegen in einigen afrikanischen Ländern bei über 30%! Ziel der Reisemedizin sollte in diesem Zusammenhang sein, nicht nur den Reisenden selbst, sondern auch die einheimischen Sex Worker sowie spätere Sexualpartner nach der Reiserückkehr vor STIs zu schützen. Sicherste Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten besteht in Abstinenz bzw. in monogamem Verkehr mit einem seit langem bekannten, gesunden und zuverlässig treuen Partner. Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für (ungeschützten) Sex auf Reisen und damit ein Risiko für die Ansteckung mit STIs besteht für jüngere, alleinreisende Männer, Männer, die mit Männergruppen reisen, Männer, die Sex mit Männern haben, bei Langzeitaufenthalten, Geschäftsreisen und bei Gebrauch von Alkohol und Freizeit-Drogen. Reisende, auf die diese Faktoren zutreffen, sollten über die Gefahren von ungeschütztem Sex am Reiseziel aufgeklärt und über „safer sex“ beraten werden. Da für die meisten sexuell übertragbaren Krankheiten keine Impfungen zur Verfügung stehen, ist die wichtigste Präventionsmaßnahme der konsequente Gebrauch von Kondomen (für Frauen: Femidome), auch wenn diese keinen 100-prozentigen Schutz gewährleisten. Gegen Hepatitis A, B und ggf. Human Papilloma-Viren (HPV) ist eine Impfung bei vorhandenem Risiko sinnvoll. In besonderen Fällen kann die Mitgabe einer Medikamentenkombination für die HIV-Postexpositionsprophylaxe in Erwägung gezogen werden. Für Frauen ist auch die sichere Empfängnisverhütung auf der Reise ein wichtiges Thema.

Besteht der begründete Verdacht, dass unterwegs Sex mit Minderjährigen geplant ist, sollte sowohl aus ethischen als auch juristischen Gründen auf die Strafbarkeit dieser Handlung, auch wenn sie im Ausland begangen wird, hingewiesen werden.

Nach der Reiserückkehr ist für Reisende, die ungeschützten Sex mit einem neuen Partner auf Reisen hatten, ein STI-Screening sinnvoll. Im Anfangsstadium sind, besonders bei Frauen, viele STIs asymptomatisch, können aber schon zu einer Ansteckung des Partners führen. Problematisch sind unterschiedlich lange Inkubationszeiten bzw. Zeiten bis zur Nachweisbarkeit/ Serokonversion bei den diversen Infektionen. Unter Umständen sind mehrfache Untersuchungen im Abstand von einigen Wochen bis Monaten erforderlich (HIV, HBV).

Sicher wird das Phänomen Sextourismus sich kurzfristig nicht aus der Welt schaffen lassen. Auf lange Sicht kann nur eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den ärmeren Ländern dazu führen, dass Frauen, Kinder und auch Männer aus diesen Ländern nicht mehr gezwungen sind, ihren Körper und ihre Gesundheit zu verkaufen, um selbst zu überleben oder ihrer Familie das Überleben zu ermöglichen.