Assistancemedizin auf Kreuzfahrtschiffen – Medizinisches Fallmanagement während der Reise
Dr. med. Stefan Eßer
 
Kreuzfahrtschiffe bieten die wahrscheinlich komfortabelste und sicherste Art des Reisens. Ursprünglich aus dem luxuriösen Reisesektor kommend, hat sich die Kreuzfahrt in den letzten 10 Jahren zu einer Reisemöglichkeit für ein breites Publikum entwickelt. Neben Hotelkomfort und Reiseluxus bieten viele Kreuzfahrtschiffe auch den Vorteil eigener medizinischer Betreuung an Bord und sind damit auch für ältere und gesundheitlich vorbelastete Reisende interessant. Die Möglichkeiten des Schiffs- oder Bordarztes beschränken sich aber überwiegend auf die Arbeit an Bord. Müssen Patienten von Bord gehen zur weiteren (fach-)ärztlichen Betreuung, ist ein gutes medizinisches Fallmanagement, wie es assistancemedizinische Einrichtungen bieten, unerlässlich. Für Reisemediziner ist es wichtig, zu wissen, ob und wie ihre Patienten, die eine Kreuzfahrt planen, während der Reise schiffsärztlich und assistancemedizinisch betreut werden können.

Kreuzfahrtschiffe verfügen meist über einen eigenen sogenannten Bord- oder Schiffsarzt und werben damit auch explizit. Der Einsatz von Schiffsärzten ist abhängig vom sogenannten Fahrtgebiet. Formal sind auf deutschen Handelsschiffen auf Mittlerer und Großer Fahrt ab 75 Personen an Bord Schiffsärzte vorgesehen, auf Kleiner Fahrt ab 100 Personen. Bei über 800 Personen an Bord wird ein zweiter Schiffsarzt vorgeschrieben. Der Schiffsarzt auf deutschen Schiffen muss formal über die ärztliche Approbation verfügen und seetauglich gemäß dem Seemannsgesetz sein. Weitere formale Qualifikationen sind nicht zwingend erforderlich. Empfohlen werden allerdings mehrjährige Erfahrungen in Allgemeinmedizin und Chirurgie sowie Kenntnisse in Notfallmedizin. Die Zusatzbezeichnung „Maritime Medizin“ ist noch nicht weit verbreitet.

Der Personenkreis auf Kreuzfahrtschiffen umfasst die bei der Reederei festangestellten Mitarbeiter angefangen beim Kapitän, des weiteren Mitarbeiter weiterer Vertragsunternehmen z.B. für den Hotel- und Gastronomiebetrieb an Bord sowie natürlich die Passagiere. Während bei der Crew Unfälle während der täglichen Arbeit, sei es in der Küche, im Maschinenraum oder unter Deck nicht ungewöhnlich sind, überwiegen bei den oft älteren Passagieren neben Seekrankheit internistische Erkrankungen.

Deutsche Seeleute sind gesetzlich krankenversichert und über die Berufsgenossenschaft Verkehr unfallversichert. Bei ausländischen Seeleuten variiert der Versicherungsschutz je nach Herkunftsland und Nationalität des Schiffes stark. Viele Passagiere verfügen über eine Auslands- oder Reisekrankenversicherung.

Die Ausstattung der Bordkliniken ist unterschiedlich und unterschiedlich sind dementsprechend die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten an Bord. Nicht alle Kreuzfahrtschiffe haben ein EKG, Röntgen- oder Ultraschallgerät an Bord. Sobald weitere, über die Bordmittel hinausgehende Untersuchungen notwendig sind, ist eine weitere Betreuung an Land im nächsten Hafen notwendig. Diese Untersuchungen und der Transport dorthin müssen vorab organisiert und eingeleitet werden sowie die Bezahlung geklärt werden. Dies ist im eigentlichen Sinne eine assistancemedizinische Leistung. Die Assistancemedizin ermöglicht es, vor allem mithilfe moderner Telekommunikationsmöglichkeiten Patienten in aller Welt und fernab von ihrem Heimatland medizinisch zu betreuen und zu managen, auch wenn keine direkte, körperliche, klinische, ärztliche Behandlung stattfindet. Zu den Leistungen der Assistancemedizin gehören unter anderem die telefonische ärztliche Beratung, die Empfehlung von vor Ort geeigneten medizinischen Einrichtungen, die Verlegung in geeignete Krankenhäuser vor Ort, die Durchführung von Notfall-Evakuierungen oder die sogenannte Repatriierung, also die Rückholung ins Heimatland bei medizinisch notwendigen oder medizinisch sinnvollen Fällen. Assistancemedizinische Dienstleister arbeiten mithilfe internationaler Alarmzentralen.

Kreuzfahrtschiffe verfügen selten über organisierte assistancemedizinische Betreuung. Formal gibt es für Notfälle auf zivilen Handelsschiffen gemäß WHO und ILO konsiliarische Hilfe durch die seefunkärztlichen Beratungsstellen, wie sie für Deutschland durch das Stadtkrankenhaus Cuxhafen angeboten wird. Historisch ist in diesem Zusammenhang auch „Radio Stockholm“ bekannt und weitere Einrichtungen der internationalen Seenothilfe, sogenannte „Maritime Rescue Coordination Centres". In den seefunkärztlichen Beratungsstellen wird vor allem fachärztliche Beratung angeboten für die akute Behandlung von Patienten an Bord. Die oft notwendige Weiterbetreuung von Patienten an Land oder eine Evakuierung kann aber durch den seefunkärztlichen Dienst nur selten organisiert werden, da ein umfassendes Netzwerk dafür notwendiger medizinischer Dienstleister weltweit fehlt. Hier sind der Schiffsarzt und sein Patient auf die Hilfe sogenannter Schiffsagenten angewiesen; die Reedereien nutzen Schiffsagenten für die meisten ihrer logistischen und administrativen Tätigkeiten in den jeweiligen Häfen. Schiffsagenten sind keine medizinisch ausgebildeten Personen, kennen aber meist die medizinischen Einrichtungen wie Arztpraxen und Krankenhäuser in ihrer Hafenstadt und können Termine vereinbaren. Teilweise kann die Berufsgenossenschaft Verkehr helfen. Die Patienten haben gegebenenfalls auch Auslandsreisekrankenversicherungen abgeschlossen, die über assistancemedizinische Dienstleister verfügen. Für Frachtschiffe und Yachten gibt es medizinische Assistanceanbieter wie MedAire, die solche Aufgaben professionell übernehmen. Beispiele von erkrankten Seeleuten sowie deren Betreuung durch assistancemedizinische Dienstleister sollen diese Vorgehensweise im Vortrag erläutern. Technisch und organisatorisch wären solche assisstancemedizinischen Dienstleistungen relativ einfach auf Kreuzfahrtschiffe übertragbar. Wenige Kreuzfahrtschiffe haben eine eigene assistancemedizinische Betreuung.

Schlussfolgerungen:
Die medizinische Betreuung an Bord erfolgt auf Kreuzfahrtschiffen in der Regel durch Schiffsärzte. Eine darüber hinausgehende medizinische Betreuung an Land wird meist mit Hilfe von Schiffsagenten organisiert, die die Reedereien in den jeweiligen Häfen unter Vertrag haben. Schiffssagenten sind keine medizinischen sondern logistische und administrative Dienstleister. Die Berufsgenossenschaft Verkehr, in die die frühere See-Berufsgenossenschaft eingegangen ist, kann gegebenenfalls Hilfe für Seeleute leisten. Für internationale Frachtschiffe gibt es teilweise professionelle Assistanceanbieter wie MedAire. Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen können teilweise auf die assistancemedizinischen Dienstleister ihrer Auslandskrankenversicherung zurückgreifen.

Eine umfassende, lückenlose assistancemedizinische Betreuung von deutschen Kreuzfahrtschiffen oder von Kreuzfahrtschiffen, die von deutschen Touristen häufig genutzt werden, existiert jedoch nicht. Aus reisemedizinischer Sicht sollte auf eine bessere assistancemedizinische Betreuung von Kreuzfahrtschiffen hingewirkt werden.