Masern - nicht nur eine Reisekrankheit
Dr. med. Ole Wichmann
Robert Koch-Institut, Berlin
 
Die Bedeutung der Masern kann von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet werden.

Globale Sicht: Masern gehörten bis zum Anfang dieses Jahrtausends weltweit zu den häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern. Strategisches Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war es darum, die Masern-Mortalität bis zum Jahr 2010 um 90% durch Impfprogramme zu senken (im Vergleich zum Jahr 2000). Mit Ausnahme von Südost-Asien (hier stellt insbesondere Indien ein Problem dar) haben alle WHO-Regionen dieses Ziel erreicht. Der Erfolg der Impfung spiegelt sich im Rückgang der masernbedingten Todesfälle von weltweit 733.000 im Jahr 2000 auf geschätzte 164.000 im Jahr 2008 wider. Die globale Masern-Impfquote lag 2008 bei 83%.

Masern-Eliminierung als gesundheitspolitisches Ziel: Die Masern-Eliminierung ist prinzipiell möglich, wenn mindestens 95% der Bevölkerung vor einer Infektion geschützt sind. In den Ländern Amerikas gelten die Masern seit 2002 als eliminiert. Dem WHO-Ziel, die Masern in Europa bis 2010 zu eliminieren, hatte sich auch Deutschland verpflichtet. Das Ziel wurde jedoch aufgrund weiter stattfindender Ausbrüche und Transmissionsketten in mehreren Ländern, inklusive Deutschland, nicht erreicht. Als Zeitrahmen für das Erreichen des Eliminierungsziels in Europa wurde das Jahr 2015 durch die WHO neu abgesteckt.

Masern in Deutschland: Im Zeitraum 2007-2010 wurden jedes Jahr zwischen 570 und 915 Masern-Fälle nach Infektionsschutzgesetz an das RKI übermittelt, wobei von einer Untererfassung ausgegangen werden muss. Ungenügende Impfquoten führten zu einer sukzessiven Akkumulation von Empfänglichen. Diese äußerte sich darin, dass in den vergangenen Jahren verhältnismäßig mehr Jugendliche und junge Erwachsene an Masern erkrankten als vor 10 Jahren. Aus diesem Grund hat die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlung zur Masern-Impfung 2010 angepasst und empfiehlt nun zusätzlich zur zweimaligen Impfung von Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr auch allen nach 1970 geborenen Personen älter als 18 Jahre eine einmalige Impfung, wenn sie bislang nicht oder in ihrer Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft sind.

Masern als reisemedizinische Erkrankung: Generell sollte im Rahmen einer reisemedizinischen Beratung der Masern-Impfstatus erfasst und ggf. eine Immunisierung nach aktuellen STIKO-Empfehlungen durchgeführt werden. Eine Impfung ist aus individueller wie aus bevölkerungsbezogener Sicht sinnvoll und "lohnt" sowohl für Deutschland als auch für Reisen in Länder mit aktueller Masern-Zirkulation (inkl. europäische Länder, derzeit z.B. in Frankreich oder Bulgarien). Gelegentlich wird Reisenden mit Masern-Erkrankung auch die Weiterreise durch lokale Behörden untersagt. Reisende können nach Rückkehr in ihr Heimatland (oder im Flugzeug) der Ausgangspunkt für Ausbrüche sein, wie z.B. ein bulgarischer LKW-Fahrer, der nach Infektion in Hamburg 2009 zurück nach Bulgarien reiste, wo in der Folge über 24.000 Personen an Masern erkrankten und 24 starben.