Aktuelle Weltseuchenlage
Dr. med. K.-J. Volkmer
CRM Centrum für Reisemedizin GmbH, Düsseldorf
 
Der Begriff "Seuche" ist in keinem Bereich genau definiert. Im allgemeinen versteht man darunter eine übertragbare Krankheit, die sich in einer Region ausbreitet und eine Population von Mensch oder Tier bedroht. Eine komplette Übersicht derartiger Geschehnisse auf der Welt ist in diesem Rahmen nicht möglich. Wir beschränken uns hier auf eine Auswahl, die von aktueller Bedeutung für die Reisemedizin ist.

Bei den oralen Infektionen schätzt die WHO die Zahl der Durchfallerkrankungen weltweit auf zwei Billionen pro Jahr mit 1,5 Millionen Todesfällen bei Kindern. Etwa 15 Millionen deutscher Touristen erleiden jährlich eine Reisediarrhoe; hätte sie eine einheitliche Ätiologie, würde sie allein aufgrund ihrer Häufigkeit zu den Seuchen zählen. Dagegen hat die Cholera als eine der klassischen Weltseuchen für die Reisemedizin kaum eine Bedeutung. Hygienemangel und sehr hohe Keimzahlen sind erforderlich, damit sie klinisch manifest wird. Dagegen brauchen Noroviren mit < 100 Viruspartikeln nur eine geringe Infektionsdosis, sie sind leicht übertragbar und genetisch gut anpassungsfähig - ideale Bedingungen für Ausbrüche auf engem Raum, wie z.B. auf Kreuzfahrtschiffen. Die Polio ist für Reisende zahlenmäßig kein Problem, aber noch immer eine Bedrohung. In vier Ländern (Nigeria, Indien, Pakistan, Afghanistan) ist sie noch endemisch. Eine zu optimistische Einschätzung der seit 23 Jahren laufenden Ausrottungskampagne führt zu verminderter Vigilanz, zu lückenhafter Populationsimmunität und dadurch zur Wiedereinschleppung des Erregers in zuvor bereits poliofreie Länder; 16 waren es im vorigen Jahr. Ein belastbarer Impfschutz ist daher generell wichtig, besonders bei Reisen in Regionen mit endemischer oder reimportierter Polio.

Bei den arthropoden-übertragenen Erkrankungen haben einige Arboviren in den letzten Jahren zunehmende Bedeutung erlangt. An erster Stelle steht das Dengue-Fieber, gefolgt von dem klinisch eng verwandten Chikungunya, deren Vektoren sich aufgrund der Klimaveränderungen trendmäßig immer weiter nach Norden ausbreiten. Das West-Nile-Fieber erhielt mit seinem Einbruch in die Neue Welt vor nunmehr zwölf Jahren eine neue Dimension. Demgegenüber blieb das Gelbfieber bisher auf die beiden Kontinente Afrika und Amerika beschränkt, wo es immer wieder zu Einzelfällen, Clustern und Ausbrüchen kommt. Es ist von den genannten Kranheiten zweifellos die gefährlichste, eine Impfung ist nicht nur zum Schutz des Einzelnen sondern auch zur Verhinderung einer Ausbreitung indiziert. Unter den Parasitosen gehört die Malaria mit jährlich 250 Millionen Erkrankungen und fast einer Million Todesfällen zu den "Big Killern" in den Tropen, vor allem in Afrika.

Aerogene Infektionen können über akute respiratorische Infekte zu Pneumonien führen, die als Todesursachen in der Seuchenstatistik weltweit an erster Stelle stehen. Besonders betroffen sind Kinder, Ältere und Immungeschwächte. In der Reisemedizin werden die Erreger der Grippe oft unterschätzt. Verkehrsmittel, Hotels sowie Massenveranstaltungen bieten ideale Übertragungsmöglichkeiten. Auch hierbei dient die Impfung nicht nur dem persönlichen Schutz, sondern dezimiert auch die Ausbreitung. Das gilt analog auch für die Masern mit ihrer zweigeteilten Epidemiologie: Zahlreiche Ländern gelten als frei, in anderen sind sie hochpraevalent. Da sie von dort durch Reisende immer wieder in nicht ausreichend immune Populationen verschleppt werden, ist die Chance ihrer baldigen Ausrottung aus globaler Sicht derzeit ziemlich gering. Die Bedeutung der Meningokokken für die Reisemedizin beschränkt sich weitgehend auf Reisen in Ausbrüche, Risikogruppen oder endemische Gebiete mit Kontakten zur Bevölkerung. Durch die Verfügbarkeit guter Impfstoffe hat sich die Situation derzeit etwas entspannt. In drei Ländern des afrikanischen Meningitis-Gürtels begannen im Winter vor Beginn der diesjährigen Saison Massenimpfungen mit einem monovalenten Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe A ("MenAfriVac"), dem dort noch immer dominierenden Erreger. Nicht ganz unproblematisch, da Meningokokken ihre Kapselantigene auf entsprechenden Selektionsdruck leicht ändern und damit die Immunität unterwandern können.

Unter den sonstigen Weltseuchen ist die Tollwut für die Reisemedizin zweifellos von großer Bedeutung. Die Zoonose ist in mehr als 150 Ländern verbreitet und fordert jährlich mehr als 55.000 menschliche Todesopfer, die meisten davon in Asien. Hauptüberträger dort ist der Hund, in Amerika sind es in den letzten Jahren vorwiegend Fledermäuse. Höchste Priorität unter den Weltseuchen hat aus globaler Sicht die HIV-Infektion. Etwa 35 Millionen Menschen sind derzeit betroffen, davon zwei Drittel in Afrika südlich der Sahara. Mit je etwa 2,4 Millionen jährlich halten sich Todesfälle und Neuinfektionen die Wage. Besonders gravierend ist die Kombination mit der Tuberkulose. Das Risiko einer Tbk ist bei AIDS 200 mal höher als bei intaktem Immunsystem. Beide Seuchen haben die Menschheit vor Probleme gestellt, deren Lösung noch nicht in Sicht ist.