Reiseimpfungen - aktueller Überblick
PD Dr. med. Jürgen Ringwald
Universitätsklinikum, Transfusionsmedizinische und Hämostaseologische Abteilung, Erlangen
 
Neben der Beratung zur Malariaprophylaxe kommt der Empfehlung zu einem adäquaten Impfschutz vor einer Fernreise eine besondere Bedeutung in der präventiven Reisemedizin zu.

Nach den Empfehlungen der DTG 2010 lassen sich Reiseimpfungen in 3 Gruppen einteilen. Die erste Gruppe beinhaltet Impfungen, die evtl. zum persönlichen Schutz oder zum Schutz vor Verschleppung vorgeschrieben sind, z.B. Impfungen gegen Gelbfieber (GF) oder Meningokokken. Zur zweiten Gruppen gehören generell im Heimatland empfohlene Impfungen (Überprüfung des Impfschutes). Generell empfehlenswert für Reisen in südliche oder östliche Länder ("südlich der Alpen oder östlich der Oder") ist die Impfung gegen Hepatitis A. Die letzte Gruppe bilden die klassischen Indikationsimpfungen anlässlich einer Reise. Die Risiko-Nutzen-Abwägung, die zur individuellen Impfempfehlung führt, orientiert sich primär an folgenden Vorgaben: Reiseziel, -route, -dauer und -stil, zukünftige Reisen, Anamnese (bes. Erkrankungen, Risiken, Allergien, Kontraindikationen) und bestehender Impfschutz des Reisenden, Nutzen-Risiko (Schutzwirkung) der verfügbaren Impfstoffe, Impfabstände, der Kostenfaktor (Kostenträger?) und die Zeit bis zur Abreise (ideal ca. 6-8 Wochen). Aber auch für Last-minute-Reisende ist in der Regel noch ein gewisser Impfschutz möglich. Besondere Risikogruppen in der Impfberatung stellen Schwangere, Kinder und immungeschwächte Personen dar.

Gegen Meningokokken steht nun neben dem bereits seit längerer Zeit verfügbaren Polysaccharid- auch ein tetravalenter Konjugatimpfstoff zur Verfügung, der sich durch eine bessere Immunität und Boosterfähigkeit auszeichnet (Anwendung ab dem 11. Lebensjahr). Gerade angesichts der Veränderungen in der Prävalenz der verschiedenen Serogruppen ist die Ver-wendung der tetravalenten Vakzine sinnvoll.

Seit April 2009 ist in Deutschland ein Totimpfstoff gegen JE zugelassen, wodurch die Durchführung der Impfung bei vorliegender Indikation (Langzeit- und Risikoreisende in Endemiegebieten in SO-Asien bei Übernachtaufenthalten in ländlichen Regionen - Reisanbaugebiete) vereinfacht wurde, da eine gesonderte Aufklärung wie beim zuvor zu importierenden Impfstoff nicht mehr notwendig ist.

Bereits seit einigen Jahren (2004) ist in Deutschland mit Dukoral® ein sehr gut verträglicher oraler Totimpfstoff gegen Cholera zugelassen. Während das Cholerarisiko ist für den normalen Touristen sehr gering ist, bietet dieser Impfstoff für Katastrophenhelfer in aktuellen Ausbrüchen einen guten Schutz. Durch eine mäßiggradige Schutzwirkung (<50-60%) gegen das "cholera-like-Toxin" enterotoxischer E.coli-Bakterien (ETEC) wird Dukoral® in der Praxis nicht selten "off-label" zur Reduktion der Inzidenz der Reisediarrhoe eingesetzt. Besonders für Reisende mit erhöhter Prädisposition oder der Gefahr schwerer Verläufe der Reisediarrhoe kann dies sinnvoll sein.

Neben der Diskussion über das bessere Adjuvans (Alluminium oder Virosom) ist bzgl. der Impfstoffe gegen Hepatitis A steht derzeit die Frage der Dauer des Langzeitschutzes (25-30 Jahre) und der Notwendigkeit der Wiederimpfung im Brennpunkt. Letzteres ist derzeit auch ein noch nicht abschließend geklärtes Thema bei der Impfung gegen Hepatitis B. Die STIKO empfiehlt hier ein sehr differenziertes Vorgehen primär abhängig vom Alter und Risiko des Patienten.

Über die Gelbfieberimpfung ist in den letzten Jahren durch das Auftreten von schweren neuro- oder viszerotrope Nebenwirkungen (USA: 2,1-2,3/100.000 Impfdosen) vermehrt diskutiert worden. Das erhöhte Risiko scheint auf die Erstimpfung beschränkt zu sein und steigt mit höherem Lebensalter und bei gestörter Immunkompetenz an! Bei Reisenden über 60 Jahre und einer Erstimpfung soll darum die Indikation strenger gestellt werden.

Bei Reisen in Regionen mit hoher Tollwutgefährdung spielt für die Indikation zur Impfung zwar das aktuelle Infektionsrisiko eine wichtige Rolle, aber mehr noch ist die Verfügbarkeit moderner Gewebeimpfstoffe bzw. Hyperimmunglobulin zu berücksichtigen. Ferner scheint sich eine frühe Auffrischimpfung nach der Grundimmunisierung (1-2 Jahre) positiv auf den Langzeitschutz auszuwirken.

Hinsichtlich der Typhusimpfung ist zu beachten, dass sowohl der orale Lebendimpfstoff als auch die parenteralen Totimpfstoffe nur eine mäßige und relativ kurze Schutzwirkung induzieren. Angesichts der guten Verträglichkeit, der relativ niedrigen Kosten und möglicher Multiresistenzen sollte die Impfung aber bei Reisen in Endemiegebiete unter einfachen Bedingungen und niedrigem Hygienestandard doch erfolgen. Bei sehr hohem Risiko (Ausbrüche, Katastrophenhelfer) können die Lebend- und Totimpfstoffe auch kombiniert werden.

Gerade die Reise in Risikogebiet stellt die ideale Gelegenheit dar, den Impfschutz auf Masern bei Erwachsenen gemäß den Empfehlungen der STIKO zu überprüfen und ggf. eine einmalige Impfung durchzuführen.

Für Menschen, die nicht in einem Risikogebiet in Deutschland leben, ist auch die Impfung gegen FSME eine Reiseimpfung. Die gegenwärtig verfügbaren Impfstoffe bieten auch Schutz gegen die russische Frühsommer-Meningoenzephalitis und den fernöstlichen Typ.

Die Influenzaimpfung, die diese Saison auch den Erreger der sog. Schweinegrippe beinhaltet, jedoch nicht gegen Vogelgrippe schützt, sollte für Risikoreisende (z.B. chronische Kranke), wie auch die Pneumokokkenimpfung, ebenfalls empfohlen werden. Es ist zu beachten, dass auf der andere Hemisphäre die Grippesaison zeitversetzt auftritt (Norden: November-April; Süden: Mai-Oktober).

Während die Sächsische Impfkommission (SIKO) weiterhin eine regelmäßige Auffrischimpfung der Impfung gegen Poliomyelitis nach 10 Jahren empfiehlt, hat die STIKO dies auf Reisen in Regionen mit Infektionsrisiko eingeschränkt. In den Empfehlungen der STIKO und der SIKO finden sich jedoch noch weitere Unterschiede, wobei die Empfehlungen der SIKO insgesamt als großzügiger bezeichnet werden können.