Last-Minute-Reisen mit chronischer Krankheit
Dr. med. Andreas Leischker
Krankenhaus Maria-Hilf, Krefeld
 
Last-Minute-Reisen von Patienten mit chronischen Vorerkrankungen stellen den beratenden Arzt vor besondere Herausforderungen.

Grundsätzlich sind alle für das jeweilige Land sinnvollen Impfungen auch und gerade für Patienten mit chronischen Vorerkrankungen indiziert. Ein Reisender mit Vorerkrankung ist durch eine Infektionskrankheit nämlich wesentlich stärker gefährdet als ein gesunder Reisender. Lebendimpfungen sind jedoch bei Immunsuppression wie zum Beispiel AIDS, Chemotherapie oder immunsuppressive Dauertherapie bei rheumatischen und Autoimmunerkrankungen häufig kontraindiziert. Bis zu einer Dosierung von 20 mg Prednisolonäquivalent sind die meisten Impfungen möglich.

Eine Last Minute Reise sollte immer auch Anlass sein, die Indikation für Standardimpfungen zu überprüfen. So sind die Influenzaimpfung und die Pneumokokkenimpfung für die meisten chronischen Krankheiten (wie z.B. COPD und Diabetes mellitus) unabhängig vom Lebensalter indiziert.

Auch bei Last Minute Reisen sollte der Reisende eine Medikamentenliste mit Freinamen und eine in englischer Sprache abgefasste Liste der Dauerdiagnose, ggfs. mit kurzer Epikrise mitnehmen. Die Dauermedikation sollte im Handgepäck mitgeführt werden. Für die Reise sollte mindestens die doppelte Menge an Dauermedikation mitgenommen werden, da z.B. bei Ausfall von Flügen einige Medikamente eventuell nicht vor Ort beschafft werden können. Wenn die Mitnahme von Betäubungsmitteln notwendig ist, muss die Mitnahme der erforderlichen Menge aus ärztlich bescheinigt werden. Für die Schengen Staaten existiert hierfür ein Formular, das auf der Internetseite www.bfarm.de heruntergeladen werden kann. Diese ärztliche Bescheinigung muss dann von der zuständigen Landesgesundheitsbehörde bestätigt werden. Für alle anderen Staaten sollte die Möglichkeit der Mitnahme von Betäubungsmitteln unbedingt vorher mit der Botschaft des betreffenden Landes abgeklärt werden. Insbesondere in islamischen Staaten kann die Mitnahme von Betäubungsmitteln problematisch sein.

Vor Beginn der Reise sollte geklärt werden, ob und wenn ja welche Krankenhäuser im Reiseland für die Behandlung der entsprechenden Grundkrankheit geeignet ist. Für Flugreisen und Höhenaufenthalte über 2000 Meter sollte der Hämoglobinwert mindestens 9 mg/dl betragen. Bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen sollte vor einer Flugreise und vor Höhenaufenthalten eine aktuelle Lungenfunktionsuntersuchung durchgeführt und die Sauerstoffsättigung oder der Sauerstoffpartialdruck bestimmt werden. Bei Patienten unter Kortisondauertherapie muss die systemische Corticoiddosis bei Höhenaufenthalten oberhalb von 3000 Metern wegen des verringerten Sauerstoffpartialdruckes verdoppelt werden.

Bei Patienten unter oraler Antikoagulation muss sichergestellt sein, dass am Reiseziel eine INR Bestimmung möglich ist. Bei Last-Minute-Reisen reicht die Zeit für eine Schulung des Patienten zur Gerinnungsselbstbestimmung (z.B. mit Coagu-Check) meist nicht mehr aus.

Diabetiker sollten darauf achten, dass sie neben einer ausreichenden Insulinmenge auch genügend Teststreifen und eine Ersatzbatterie für das Blutzuckermessgerät im Handgepäck mitnehmen. Während des Fluges sollte das kurzwirksame Insulin erst gespritzt werden, wenn sich die Mahlzeit am Platz befindet. Bei sportlicher Aktivität muss die Insulindosierung reduziert werden.

Reisende mit erhöhtem Thromboserisiko sollten bei Langstreckenflügen Kompressionsstrümpfe (Unterschenkelstrümpfe sind zur Prophylaxe ausreichend) tragen und einen Sitz am Gang reservieren.

Doxycyklin ist bei schweren Leberfunktionsstörungen kontraindiziert und sollte deshalb nicht zur Malariaprophylaxe verordnet werden. Für Last-Minute-Reisen bietet sich Atovaquon/Proguanil, je nach Reiseziel als Prophylaxe oder als Stand-by-Medikation, an. Dieses Medikament kann bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit auch mit Amiodaron, Calciumantagonisten und Betablockern kombiniert werden. Da es erst einen Tag vor Reisebeginn eingenommen werden muss, bietet es sich für Last-Minute-Reisen besonders an.