FSME - müssen wir eine weitere Ausbreitung erwarten?
OFA Dr. med. Gerhard Dobler
Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München
 
Frühjahr und Sommer stellen die klassische Reise-Jahreszeit in Deutschland dar. Während der Großteil der Bevölkerung sich über die Gefahr durch Zecken in Deutschland zunehmend bewusst wird, denken die wenigsten Reisenden und leider häufig auch die reisemedizinisch beratenden Ärzte an die Bedeutung der FSME als Reiseinfektion.

Die Statistik des Robert-Koch-Instituts (Epidemisches Bulletin) zeigt, dass jährlich zwischen 4% und 9% der in Deutschland diagnostizierten FSME-Infektionen nicht in Deutschland, sondern im Ausland erworben wurden. An erster Stelle steht hier nach wie vor Österreich, wo in den letzten Jahren bis mehr als die Hälfte der im Rahmen von Reisen erworbenen FSME-Infektionen importiert wurden. Seit den verfügbaren Statistiken ist allerdings ein Wandel erkennbar. War in den Jahren 2002 und 2003 Ungarn zweithäufigstes FSME-Importland nach Österreich, so wur-den in den letzten Jahren keine Fälle aus Ungarn nach Deutschland importiert. Dagegen werden Importe von Erkrankungsfällen zunehmend aus östlichen Ländern wie Russland, Kasachstan, Ukraine, Rumänien und Polen gesehen. Diese Entwicklung spiegelt sicherlich auch das veränderte Reiseverhalten der Deutschen in den letzten Jahren wider.

Dies führt den reisemedizinisch beratenden Arzt zur Frage, wo in den letzten Jahren erstmals oder verstärkt FSME-Fälle aufgetreten sind. Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass die FSME und die östliche Form der Russischen Frühjahr-Sommer-Enzephalitis weiter verbreitet sind als bisher angenommen. In Zentralasien werden FSME-Viren u.a. in Kasachstan, in Usbekistan, in Georgien und Kirgisien und Aserbaidschan gefunden. Das Verbreitungsgebiet setzt sich von der Mongolei aus nach Osten über den Norden Chinas bis auf die nördliche japanische Insel Hokkaido fort. Der Nachweis von FSME-Viren in Süd-Korea wirft hingegen neue Fragen zur südlichen Ausbreitung der FSME-Viren in Ostasien auf.

Die augenblicklich verfügbaren Daten legen den Schluss nahe, dass die FSME sich weiter aus-breitet. Die genaue Analyse zeigt jedoch, dass eine echte Verbreitung in den letzten 20 Jahren ausschließlich in den nördlichen Verbreitungsgrenzen in Skandinavien nachzuweisen war. In Finnland und in Schweden breitete sich die FSME um mehrere hundert Kilometer nach Norden aus, verbunden mit einer Ausbreitung des Überträgers, des Gemeinen Holzbocks. Weiterhin wird eine Einwanderung der Taigazecke von Osten her in den Norden und Osten Europas beobachtet. Dies legt eine Einwanderung des Sibirischen Subtyps des FSME-Virus nach Europa nahe.

Alle bisher nachgewiesenen FSME-Viren weisen enge verwandtschaftliche Beziehungen auf, so dass die aktuell verfügbaren Impfstoffe in Europa auch einen meist ausreichenden Schutz gegen östliche Virusstämme induzieren können. Damit stellt die FSME-Impfung die wichtigste prophylaktische Maßnahme zum Schutz vor FSME auch für Reisemedizin dar. Die FSME-Impfung sollte daher, soweit notwendig, auch in der reisemedizinischen Beratung nicht fehlen und der Arzt muss sich hier ggf. auch auf das veränderte Reiseverhalten einstellen.