Impfpräventable Erkrankungen in Deutschland: aktuelle Probleme und Strategien
Dr. med. Ole Wichmann
 
In Deutschland werden Impfungen von besonderer Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung von den obersten Gesundheitsbehörden der Länder auf der Grundlage der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut öffentlich empfohlen. Nach der Grundimmunisierung bei Säuglingen und Kleinkindern ist lebenslang ggf. durch regelmäßige Auffrischimpfungen sicherzustellen, dass der notwendige Impfschutz erhalten bleibt und -wenn indiziert- ein Impfschutz gegen weitere Infektionserkrankungen aufgebaut wird.

Arztbesuche von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sollten generell dazu genutzt werden, die Impfdokumentation zu überprüfen und im gegebenen Fall den Impfschutz zu vervollständigen. Eine reisemedizinische Beratung kann daher eine gute Gelegenheit sein, nicht nur den Status von reisemedizinisch relevanten Impfungen zu prüfen sondern auch von in Deutschland öffentlich empfohlenen Impfungen. Nicht wenige Erkrankungen, gegen die sich die Routineimpfungen richten, stellen auch ein Problem in beliebten Reiseländern dar bzw. können -wie zum Beispiel Masern- durch eine Auslandsreise nach Deutschland importiert werden und hier zu Ausbrüchen führen.

Während es in der Reisemedizin vornehmlich um den individuellen Schutz des Reisenden geht, spielen bei nationalen oder regionalen Impfstrategien auch andere Aspekte eine Rolle, zu der der Herdenschutz und die Eliminierung von einzelnen Erregern gehört. Die Eliminierung der Masern in Europa bis 2010 ist ein erklärtes Ziel der europäischen Gesundheitspolitik. Masern können eliminiert werden, wenn eine Impfquote von mehr als 95 % erreicht wird. Durch diese Strategie kommt es auch zu einem Herdenschutz von Säuglingen, die aufgrund ihres Alters noch nicht geimpft werden können aber besonders anfällig für Masern-assoziierte Komplikationen sind. Weltweit konnte durch die Impfung die Zahl der Masern-Todesfälle im Zeitraum zwischen 2000 und 2008 um mehr als 75 % reduziert werden. Masern gelten seit 2002 in den Ländern Amerikas als eliminiert.

Das Jahr 2009 war geprägt durch das Auftreten des Neuen Influenzavirus A (H1N1) und stellte die STIKO wie auch vergleichbare Gremien anderer Nationen vor die Herausforderung, in einer bislang einmaligen Situation zeitnah eine Impfempfehlung aussprechen zu müssen. Generell gehört die Influenza zu den häufigsten Ursachen fieberhafter Erkrankungen auch auf Reisen. Im Rahmen der H1N1-Pandemie waren die Sommermonate 2009 in Deutschland überwiegend geprägt durch Infektionen, die aus dem Ausland (insb. Mexiko und Spanien) importiert waren. Ziel der im Oktober ausgesprochenen H1N1-Impfempfehlung war die Reduktion der H1N1-assoziierten Morbidität und Mortalität. Drei Hauptzielgruppen wurden definiert, von denen zwei (Chronisch Kranke und Schwangere) bei H1N1-Infektion ein individuell erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben und die dritte Gruppe (medizinisches Personal) eher aus strategischen Gründen des Populationsschutzes zu impfen ist: Das medizinische Personal ist in direktem Kontakt mit Personen, die an Influenza erkrankt sind. Wie in jeder regulären Influenzasaison auch, hat daher das medizinische Personal ein erhöhtes Risiko, an einer Influenza zu erkranken sowie betreute Personen und deren Angehörige anzustecken. Die vom medizinischen Personal betreuten Patienten haben wiederum oft ein erhöhtes Risiko, eine schwere Verlaufsform der Influenzavirus-Infektion zu entwickeln. Zusätzlich ist die Sicherstellung der Krankenversorgung im Rahmen einer Pandemie von Bedeutung, so dass das medizinische Personal hiermit eine zweifache Verantwortung hat, sich impfen zu lassen. Insgesamt wurden 222.006 H1N1-Fälle bis zum 09.02.2010 an das RKI übermittelt inklusive 226 Todesfälle, von denen 84 % Risikofaktoren hatten. Post-Marketingdaten belegen die gute Verträglichkeit und Wirksamkeit der Pandemie-Impfstoffe. Die in Deutschland erreichten Impfquoten insbesondere in den drei Zielgruppen sind jedoch niedrig.

Herausforderungen in Deutschland ergeben sind generell sowohl bei der Begründung und Umsetzung als auch bei der Evaluation von neuen Impfungen und Impfstrategien durch Defizite in der epidemiologischen Datenbasis. Da die Erhebung von Impfquoten üblicherweise durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst im Rahmen von Schuleingangsuntersuchungen erfolgt, stehen kaum repräsentative Daten zu Impfquoten bzw. der Vollständigkeit von Impfserien zur Verfügung, wenn das Alter der Zielgruppe (z.B. für HPV) jenseits der Einschulung liegt. Jugendliche und (junge) Erwachsene suchen in der Regel seltener den Arzt auf, so dass sie für Impfungen auch schwieriger erreichbar sind. Für mehrere Krankheiten/Erreger, gegen die Impfempfehlungen ausgesprochen sind (z.B. Varizellen, HPV), bestehen keine bevölkerungsbezogenen Surveillancesysteme, die das Erreichen des Impfzieles oder mögliche ungewollte Konsequenzen (z.B. Replacement mit nicht durch die Impfung abgedeckten Stämmen) ausreichend belegen können. Ähnliche Probleme sind bei Impfstoffen zu erwarten, die derzeit entwickelt werden.