Psychische und soziale Probleme im Ausland
Dr. H. Müller-Ortsein
 
Trotz bestimmter Auswahlkriterien (fachliche Qualifikation, Sprachkenntnisse, Motivation, Persönlichkeit, Managementfähigkeiten, Berufserfahrung, Kommunikationsfähigkeit, soziale Handlungskompetenz, Aufgeschlossenheit und Selbstvertrauen, Wertschätzung für andere Menschen, interkultureller Kompetenz, Flexibilität, Lernbereitschaft, Eigeninitiative, Ambiguitätstoleranz u.a.) und Anwendung bestimmter Auswahlinstrumente (Interviews, verschiedene Auswahlverfahren, Persönlichkeitstests, Interviews mit Partner u. a.) für den Auslandseinsatz, sowie einer noch so guten Vorbereitung, den Auslandseinsatz begleitender Maßnahmen und guter Reintegrationsprogramme kann aus nervenärztlicher Erfahrung angemerkt werden, dass es nicht so ungewöhnlich ist, dass es bei dem einen oder anderen Mitarbeiter/in auf einer Reise oder einem Auslandsaufenthalt auch einmal zu einer plötzlich manifest auftretenden psychischen Erkrankung einschließlich einem Suchtproblem kommen kann. Psychiatrische Notfallsituationen auf Reisen oder bei Auslandsaufenthalten sind nicht unbedingt etwas Alltägliches, aber auch wiederum nichts Ungewöhnliches und auch nicht so selten. Nur sollte man im Ausland besser darauf vorbereitet sein. Zu einer guten Beratung gehört deshalb schon vor Ausreise, dass rechtzeitig besprochen werden muss, wie man sich bei einer schweren psychischen Störung, speziell in Gebieten mit einer sehr schlechten Infrastruktur helfen lassen kann und wer die Entscheidungsträger sind, die darüber entscheiden, ob vor Ort oder in der Nähe der Tätigkeit, z. B. in der nächst größeren Provinzstadt, Hauptstadt oder im Nachbarland eine medizinische- psychiatrische/psychologische Versorgung erfolgen soll oder ob evtl. sogar eine Repatriierung sinnvoll ist. Ein Betroffener kann in einer solchen Situation meistens selbst gar keine eigene Entscheidung mehr treffen, weil vielleicht krankheitsbedingt seine Urteilsfähigkeit eingeschränkt ist. Oft können das auch nicht die Angehörigen oder Mitarbeiter vor Ort, weil sie damit einfach überfordert sind.

Auch sollte grundsätzlich geklärt werden, ob es im Notfall bzw. im notwendig werdenden Behandlungsfall vor Ort leistungsfähige psychologische oder psychiatrische Einrichtungen gibt.

Wenn es zu einer psychischen Störung kommt, spielt in vielen Fällen Überforderung und psychosozialer Stress eine krankheitsverursachende oder krankheitsverändernde Rolle. In aller Regel findet sich eine besondere Empfindlichkeit, die man auch als "Vulnerabilität" bezeichnet. Es handelt sich um eine besondere Verletzlichkeit oder Verwundbarkeit. Diese Verletzlichkeit beruht einerseits auf einer gewissen Veranlagung und einer im Lauf des Lebens erlernten Art und Weise der Weltsicht. Daraus resultiert auch wie jemand mit Menschen umgeht. Deshalb sollte jemand auf Reisen oder im Ausland z. B. mit einer gewissen interkulturellen Kompetenz ausgestattet sein. Auf die Frage, warum manche Menschen bei Belastungen eine größere Anfälligkeit zeigen als andere, kann das Coping- Konzept (Stress- Krisen- und "Life- event"- Forschung) einen möglichen Erklärungsansatz liefern. Das Coping- Konzept besagt, dass das Bewältigungsverhalten des einzelnen eine zentrale Rolle für die Vermeidung oder Bewältigung von Krankheit einnimmt, und das Menschen sich einfach darin unterscheiden, wie sie generell mit belastenden Situationen und Ereignissen umgehen. Ob schlussendlich jemand auf Reisen oder bei Auslandsaufenthalten psychisch krank wird hängt von vielen und komplexen Faktoren ab, die sowohl etwas mit den vorgegebenen Umweltbedingungen, der konstitutionellen Disposition, der biologischen Verfassung und der psychischen Befindlichkeit bzw. Empfindlichkeit beim Auftreten von Belastungen zu tun haben. Tatsache ist aber auch, dass keineswegs nur vorbelastete Menschen auf Reisen, in der Fremde, im Ausland in psychische Krisen geraten, sondern durchaus auch solche, die vor ihrer Reise bzw. dem Auslandsaufenthalt als ausgeglichen, erfolgreich und leistungsstark galten.

Aufgrund eigener Erfahrungen, anhand vieler Einzelfallberichte aus dem Kollegenkreis bzw. aus Berichten verschiedenster Institutionen lassen sich die beim Reisen bzw. bei Auslandsaufenthalten beobachtbaren psychischen Probleme folgendermaßen zusammenfassen:
  1. Im Ausland kommt es öfters zu affektiven Erkrankungen. Anfällig für Depressionen sind Menschen dann, wenn das Werkzeug, das sie in Form von ererbten Genen und erlerntem Problemlösungsverhalten in sich tragen, größeren Herausforderungen nicht mehr gewachsen ist. Allgemein befürchten viele auch im Ausland beim Bekanntwerden der Erkrankung immer noch berufliche und gesellschaftliche Nachteile. Obwohl sich nur wenige seelische Krankheiten so gut behandeln lassen, werden immer noch zu wenig Depressionen richtig behandelt. Trotz weltweiter Zunahme der Erkrankungen sind Depressionen immer noch ein Tabuthema und weil viele Angst vor einer Behandlung im Krankenhaus haben, berichten sie oft nur von Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Übelkeit, aber beispielsweise nichts von Versagensängsten, Panikattacken und Selbstmordgedanken. Überhaupt spricht man auch im Zusammenhang mit einer Reise oder einem Auslandsaufenthalt lieber vom "Burn-out"- Syndrom. Das klingt für alle akzeptabler, gilt doch das "Burn-out"- Syndrom als moderne Krankheit der Leistungsstarken und Engagierten. Sehr wohl müssen im Zusammenhang mit Depressionen auch Begriffe wie "Kulturschock", und "umgekehrter" Kulturschock ("Re- Entry") erklärt werden. Oft werden bei Auslandsaufenthalten schon früh Schlafstörungen, Appetitverlust, Verdauungsprobleme oder Bluthochdruck auf der körperlichen Ebene geschildert. Im Erlebensbereich kann eine gewisse Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit im Hinblick auf alltägliche Probleme, die unüberwindbar erscheinen, auftreten, genauso wie das Gefühl der Isolation im Gastland, Erfahrungen der Entwurzelung, Verantwortlichmachen der fremdkulturellen Umwelt für das eigene Schicksal, usf.. Im Verhalten zeigen sich dann unter Umständen Leistungsdefizite, Kreativitätsabfall- oder verlust, Abkapselung gegenüber Einheimischen oder erhöhter Alkoholkonsum, um ein paar Beispiele zu nennen. Nach dem Kulturschock- Modell von Oberg (1960) mit Honeymoon (Begeisterung und Faszination dominieren am Anfang für die fremde Kultur), Crisis (Unterschiede der Sprache, Konzepte, Werte und Symbole zwischen der Heimat und Gastkultur bewirken Gefühle der Unzulänglichkeit, Angst und Verärgerung), Recovery (Die Kenntnisse der Landessprache verbessern sich. Man findet sich in der neuen Umgebung zurecht. Die Einstellung gegenüber der Gastkultur verbessert sich wieder) und Adjustment (Die Eingliederung ist abgeschlossen. Man akzeptiert die Gepflogenheiten der anderen Kultur. Ängste treten kaum mehr auf) manifestieren sich die Kulturschock- Symptome in der "Crisis"- Phase. Die Kulturschock- Symptome können dabei beträchtlich in ihrer Anzahl, Dauer und Intensität zwischen betroffenen Menschen variieren und auch schon einmal eine Depression vortäuschen. Diese Form einer psychischen Störung tritt zwar häufig, aber nicht regelmäßig bei jedem Menschen und bei jedem Auslandsaufenthalt auf. Kurz zusammengefasst ist der sog. "Kulturschock" ein Zeichen für mangelnde Anpassungsfähigkeit und wird beim Auftreten bei der Rückkehr ins Heimatland genauso erlebt und als "Re- Entry" bezeichnet. Bei vielen ist die Heimkehr sogar der größere "Kulturschock".
  2. Viele Menschen haben mit dem Konsum bzw. Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen sowohl bei Kurzreisen als auch Langzeitreisen bzw. Auslandsaufenthalten Probleme. Alkoholmissbrauch ist weit verbreitet, obwohl die Gefahren und Folgeschäden bekannt sind. Neben der akuten und chronischen Intoxikation spielt bei Komplikationen oft eine Entzugssymptomatik eine gewisse Rolle.
  3. Oft besteht bei der Zuwendung zu bestimmten Drogen oder Rauschmitteln im Inland und im Ausland, die Gefahr, dass eine "drogeninduzierte Psychose" ausgelöst wird. Mit bestimmten Hinweisen sollte man auch immer darauf aufmerksam machen, dass in manchen Ländern schon allein das Mitführen von Drogen strafbar ist.
  4. Viele entwickeln beim Reisen bzw. im Ausland Angsterkrankungen bzw. zeigen Zeichen der Panik mit oder ohne Agoraphobie.
  5. Risiken entstehen auch durch eine falsche Medikamenteneinnahme.
  6. Im Ausland muss mit Arzneimittelfälschungen (Fakes) gerechnet werden. Dadurch lassen sich gesundheitliche Schäden nicht immer ausschließen.
  7. Es muss heute auch mit mehr traumatisierten Menschen gerechnet werden. Dabei sind Betroffene zum Reden über ein traumatisierendes Ereignis und seine Begleiterscheinungen oft erst dann bereit, wenn ein ausreichendes Vertrauensverhältnis besteht.
  8. Das vorübergehende Auftreten schizophrener Psychosen mit Störungen des Denkens, der Wahrnehmung, wahnhaften Stimmungen, akustischen oder optischen Halluzinationen, des Erlebens und Fühlens usw. ist gar nicht so selten.
  9. Jederzeit muss man auf Reisen oder im Ausland, wie bei uns im Inland auch, mit psychiatrischen Notfällen rechnen. Dabei handelt es sich beispielsweise um akute Suizidalität, Erregungszustände oder delirante Syndrome.
Wenn man nun selbst nicht über die Möglichkeiten (Fachleute wie Psychiater und Psychologen oder einen sog. "sozialpsychiatrischen Dienst") wie große werksärztliche Dienste oder Entsendeorganisationen von Entwicklungshelfern oder Außenministerien vieler europäischer Länder verfügt, muss man sich als reisemedizinisch bzw. tropenmedizinisch tätiger Arzt oder Ärztin in der Praxis fragen, was man selbst bei beruflichen Auslandsaufenthalten mit besonderen klimatischen Belastungen (Tropen) und Infektionsgefährdungen aufgrund der neuen Bestimmungen der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) für den einzelnen Menschen tun kann, wenn es nicht nur um physische, sondern auch psychische Krankheit bzw. Gesundheit geht?

Um das Auftreten psychischer Probleme während des Reisens bzw. bei einem Auslandaufenthalt möglichst gering zu halten müssen zwingend Dauer, Zweck und Umstände der Reise bzw. Auslandsaufenthaltes erfragt werden. Ebenfalls notwendig sind bei Ausreiseuntersuchungen Fragen zu psychischen Vorerkrankungen und einer evtl. durchgeführten Pharmakotherapie. In bestimmten Fällen muss auch das Mitführen von Medikamenten besprochen werden. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (z. B. Malariamittel sind zu vermeiden. Bei allen psychischen Störungen oder psychiatrischen Erkrankungen aktuell oder in der Anamnese, ist z. B. unter bestimmten Umständen die Einnahme von Mefloquin kontraindiziert. Das gilt auch für Anfallsleiden. Auch Fragen im Hinblick auf eine psychotherapeutische Behandlung müssen genauso erlaubt sein wie Fragen zu evtl. vorbestehenden Belastungssituationen zur Verhinderung eines kumulativen Traumas oder bestimmte grundsätzliche Fragen zu Persönlichkeitsmerkmalen ("big five" wie Neurotizismus (mangelnde emotionale Stabilität), Extraversion/Introversion (Orientierung nach außen bzw. nach innen), Rigididät (Gewissenhaftigkeit), Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit versus Aggressivität) . Das ist für einen fachfremden Mediziner (Arbeitsmediziner, Tropenmediziner etc.) nicht immer ganz einfach. Hilfreich ist oft, das Motiv der Ausreise zu hinterfragen. So ist z.B. Abenteuerlust als Leitmotiv für einen längeren Auslandsaufenthalt nicht ausreichend. Auch die Tendenz vor Berufsproblemen oder Partnerschaftsproblemen wegzulaufen ist keine tragfähige Basis für einen längeren Auslandsaufenthalt.

Alkoholkranke und Drogenabhängige sind auf alle Fälle für kürzere und längere Auslandsaufenthalte ungeeignet. Sie sollten eine entsprechende fachliche Betreuung bekommen und nicht auf Reisen geschickt werden. Im Zusammenhang mit Reisen und Auslandsaufenthalten sollten Alkoholprobleme ernst genommen und auf keinen Fall verharmlost werden. Das gilt auch für Familienangehörige. Häufig ist auch Reisestress auslösender Faktor für die Erstmanifestation oder Verschlimmerung einer vorbestehenden psychischen Erkrankung. Stresstoleranz und - bewältigung ist individuell sehr unterschiedlich. Weniger belastbare Menschen sollten vorhersehbare Stressituationen (Leistungsdruck, extremer Klimawechsel, schnelle und extreme Zeitzonenwechsel u. a.) meiden. Die betroffenen Menschen sollten zumindest mit bestimmten Verhaltensregeln vertraut gemacht werden, die es ihnen erlauben bei längeren Reisen und Auslandsaufenthalten die unterschiedlichsten Belastungen zu bewältigen. Sie sollten dadurch in der Lage sein nicht gleich jede Form von Versagen als Frustration zu erleben und damit auch verhindern, dass nicht nur die eigene Situation verschlimmert wird, sondern auch die der Umgebung ( Familie, Mitarbeiter, Projekt, Auftrag etc.). Bei ganz bestimmten Fragestellung ist in allen Zweifelsfällen eine Konsiliaruntersuchung durch einen Psychiater oder Neurologen zu empfehlen. Das gilt nicht nur für Voruntersuchungen, sondern vor allem für Zwischenuntersuchungen und Abschlussuntersuchungen (Methoden sind dabei z. B. ein Debriefing oder das Counselling).

Bei den Zwischen- bzw. Abschlussuntersuchungen sollte jedem sehr bewusst sein, dass die Auswirkungen der Berührung mit Krisengebieten oder Kriegserlebnisse und damit zwangsläufig Kontakt mit Gewalt, Kriminalität, Katastrophen, Zerstörung, Armut, Hunger, Not, Leid und Sterben im Hinblick auf eine mögliche Traumatisierung nicht unterschätzt werden dürfen. Man sollte sich auch bewusst machen, dass sich in einer immer mobileren, schnelleren und flexibleren Welt das Krisenpotenzial ständig verändert.

Alle untersuchenden bzw. beratenden Ärzte/Ärztinnen sollten deshalb versuchen nicht nur vor einer Reise bzw. einem Auslandsaufenthalt eine sehr gute Gesundheitsvorsorge zu leisten, sondern auch bei Zwischenuntersuchungen bzw. Abschlussuntersuchungen.

Im Krankheitsfall sollte garantiert werden können, dass Betroffene einer schnellen fachspezifischen medizinischen Hilfe möglichst effizient schon im Ausland, spätestens aber im Heimatland, zugeführt werden.