Neue Impfstoffe: Blick in die Pipeline
PD Dr. med. Tomas Jelinek
 
Impfberatung und Durchführung von Reiseimpfungen sind ein wesentlicher Teil der reisemedizinischen Tätigkeit. Die Beratung sollte individuell auf den Reisenden, Reiseziel, Art und -dauer abgestimmt sein und mögliche Complianceprobleme, auch finanzieller Natur, berücksichtigen. Eine beachtliche Zahl von Impfstoffen befindet sich derzeit in Entwicklung bzw. bereits in klinischer Prüfung, jedoch sind die Aussichten auf Marktreife sehr unterschiedlich zu beurteilen. Bei den Reiseimpfungen ist zu unterscheiden zwischen Pflichtimpfungen, die zur Einreise in einzelnen Ländern vorgeschrieben sind, Standardimpfungen, die generell allen Reisenden empfohlen werden und Indikationsimpfungen, die in besonderen Situationen angezeigt sind.

Die Indikation für reisemedizinische Impfungen ist in hohem Maße auch der epidemiologischen Dynamik einzelner Erkrankungen unterworfen. Mit der globalen Zunahme an Zahl, Ausbreitung und Inzidenzen von Emerging Infectious Diseases ist der Bedarf an neuen Impfstoffen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Zudem sind zahlreiche neu eingeführte oder vor der Einführung stehende Impfstoffe, die primär nicht für die Reisemedizin entwickelt worden sind, auch im Rahmen der Beratung vor Auslandsreisen interessant. Diesen wird in den nächsten Jahren das Hauptinteresse in der reisemedizinischen Impfberatung gelten, zum Teil muss hier auch der Konsens für die Indikation zur Impfung neu gefunden werden.

Ein Beispiel hierfür ist der bereits seit längerem zugelassene, aber immer noch als neu zu bewertende, orale Impfstoff gegen Cholera. Im Gegensatz zum zuvor verfügbaren, parenteralen Impfstoff zeigt dieser gegen Cholera eine gute protektive Effektivität bei minimaler Nebenwirkungsrate. Über die in Deutschland auf die Impfung gegen Cholera eingeschränkte Zulassung hinaus bietet der Impfstoff jedoch einen zusätzlichen Schutz gegen das hitzelabile Toxin von enterotoxigenen E. coli (ETEC). Dieser wird durch neue Studiendaten untermauert. Die Indikation für ETEC-Reisediarrhöe-Impfung kann bei Reisenden bestehen, die in hochendemische Gebiete reisen und das Risiko für Durchfall reduzieren wollen. Bereits in klinischer Prüfung befindet sich ein Pflasterimpfstoff gegen ETEC-Enteritis. Mit Hilfe dieser neuen Technologie scheint eine unkomplizierte und effektive Impfung gegen Reisedurchfall möglich zu sein. Hier zeichnen sich sehr gute klinische Erfolge bei der Durchfallprävention ab.

Nicht zuletzt während der abgelaufenen Pandemie durch das neue H1N1-Virus hat sich gezeigt, wie komplex das Feld der Influenza-Impfungen geworden ist. Neben neuen Techniken bei der Produktion werden Adjuvantien eingesetzt und neue Applikationswege erprobt.

Bereits seit 2008 in Europa zugelassen ist ein Impfstoff gegen Herpes zoster. Hierzu liegen sehr interessante Ergebnisse aus den USA vor. Die Impfung ist insbesondere für chronisch Kranke und für Personen über 50 Jahre interessant. Bis vor kurzem wurde die Impfung nur in Österreich und der Schweiz vermarktet, sie wird jedoch 2010 auch umfassend auf den deutschen Markt eingeführt werden.

Bis spätestens Mitte 2010 wird die in Deutschland erste konjugierte, tetravalente Vakzine gegen Meningokokken-Meningitis verfügbar sein. Erwartungsgemäß zeigt diese sehr gute Daten zur Immunogenität und zum Langzeitschutz. Vermutlich 2011 wird in weiteres Produkt folgen. Die ebenfalls vermutlich in absehbarer Zeit verfügbare Impfung gegen Meningokokken Typ B ist reisemedizinisch weniger relevant, hat jedoch einen erheblichen potentiellen Stellenwert bei der Immunisierung von Kindern und Adoleszenten.

Impfungen gegen Hepatitis E und Malaria wurden mit zum Teil sehr erfreulichen Ergebnissen getestet. So fand sich eine Schutzrate von 95,5% gegen Hepatitis E in einer Phase II-Studie. Der aktuell am weitesten entwickelte Malariaimpfstoff führt zu einer Reduktion der klinischen Malariafälle um 18% und der schweren Malariaepisoden um 49%. Eine Impfung gegen Malaria auf der Basis der derzeit getesteten Impfstoffe wird allerdings mit Sicherheit keinerlei Relevanz für die Reisemedizin haben, da mit diesen Zahlen eine akzeptable Protektion nur bei Kindern in Endemiegebieten erreicht wird.

Weiterhin wird sehr intensiv an einem Impfstoff gegen Dengue-Viren gearbeitet. Eine pädiatrische Vakzine wird bereits in Phase III-Studien in Asien getestet. Ein effektiver Schutz gegen alle 4 Serotypen ist jedoch noch nicht absehbar. Gegen das seit 2006 ebenfalls sehr aktive Chikungunya Virus wurde bereits in den 1990ern eine Vakzine entwickelt und mit Erfolg getestet. Unter dem Eindruck der Chikungunya-Ausbrüche im Indischen Ozean wird die Weiterentwicklung bis zur Marktreife seit 2007 von der französischen Regierung betrieben, die den zuvor getesteten Impfstamm aus den USA übernommen hat. Parallel hierzu scheinen weitere Arbeitsgruppen an einem Impfstoff zu arbeiten.

Insgesamt sind in den nächsten Jahren zahlreiche Neuentwicklungen und Zulassungen von Impfstoffen zu erwarten, die auch in der reisemedizinischen Beratung relevant sein werden.