Unfälle und Repatriierungen
Dr. med. S. Eßer
 
Thema:
Unfälle und Repatriierungen bei Aufenthalt im Ausland
Die Reisemedizin in Deutschland berät Reisende vor und nach ihrem Aufenthalt im Ausland. Die Zeit der Tätigkeit im Ausland bleibt aber vor allem bei Langzeitaufenthalten oft unzureichend abgedeckt. Für Reisemediziner ist es wichtig, zu wissen, ob und wie ihre Patienten und deren Arbeitgeber auch bei Langzeitaufenthalten im Ausland eine adäquate medizinische Versorgung erfahren können, die gelegentlich sogar bei Unfällen zu Repatriierungen führen kann.

Inhalt:
Unfälle und Repatriierungen sind mit die gravierendsten medizinischen Probleme, die beruflich Auslandsreisenden widerfahren können.Die Abwicklung von Repatriierungen nach Unfällen bedarf eines komplexen Zusammenspiels von medizinischen Dienstleistern und Auslandskrankenversicherung. Die Aufgabe, die Verpflichtung und die Möglichkeiten, insbesondere Langzeitreisende dahingehend auch vor Ort im Ausland medizinisch zu betreuen, sollen erläutert und analysiert werden. Der internationale Reiseverkehr hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Vor allem bei beruflichen Reisen in Länder mit schlechterer medizinischer Infrastruktur gibt es gesundheitliche Risiken. Hierzu zählt vor allem ein erhöhtes Unfallrisiko. Die Hälfte aller in diese Länder Reisenden erkrankt während oder nach der Reise; rund 10 % müssen wegen dieser gesundheitlichen Probleme einen Arzt aufsuchen; rund 8 % erkranken so schwer, dass sie vorübergehend bettlägerig werden. Immerhin noch 3% dieser Reisenden sind auch nach Rückkehr aus dem Urlaub oder von der Reise noch arbeitsunfähig. Die Information über gesundheitliche Risiken im europäischen Ausland und auf anderen Kontinenten sowie das Wissen, wie diese Gesundheitsrisiken vermieden oder reduziert werden können, ist Aufgabe der Reisemedizin, die sich dabei unter anderem der Erkenntnisse der Tropenmedizin bedient. Reisemedizin umfasst aber auch die Betreuung von Patienten während ihrer Reise bei Unfällen bis hin zu möglicherweise notwendigen Rücktransporten. Dabei bedient sich die Reisemedizin der Erfahrungen oder der Hilfe der Assistance-Medizin.

Die Analyse der derzeitigen Situation lässt einige klare Schlüsse ziehen. Privatpersonen, die ins Ausland reisen, haben die Möglichkeit, sich freiwillig von reisemedizinisch fortgebildeten Ärzten vor ihrer Reise beraten zu lassen, ggf. Vorbeugemaßnahmen wie Impfungen oder Malariaprophylaxe in Anspruch zu nehmen und sich durch eine Auslandskrankenversicherung zumindest gegen das finanzielle Risiko eine Erkrankung im Ausland abzusichern. Die Zuständigkeit, all diese Maßnahmen zu initiieren, liegt beim Reisenden selbst.

Bei beruflich Reisenden gelten andere Voraussetzungen. Ein Arbeitgeber kann seine Mitarbeiter zwar im Normalfall nicht zu einer Auslandsreise zwingen, dennoch wird der Arbeitnehmer in vielen Fällen dem Wunsch seiner Firma, im Ausland zu arbeiten, nur schwer widersprechen können. Hieraus ergibt sich eine besondere Fürsorgepflicht des Arbeitgebers schon nach §§ 618 Abs 1 und 2 sowie 619 BGB. Der Unternehmer hat aber auch sicherzustellen, dass die Mitarbeiter durch ihre Tätigkeit keine gesundheitlichen Schäden erleiden. (1)

Für die medizinische Vorbereitung einer solchen, längerwährenden Auslandsreise in Regionen mit erhöhtem Gesundheitsrisiko haben die Berufsgenossenschaften schon vor gut 30 Jahren einen eigenen Grundsatz erlassen (G35), der Anhaltspunkte und Hinweise gibt für gezielte arbeitsmedizinische Vorsorge bei beruflichen Tätigkeiten im Ausland unter besonderen klimatischen und gesundheitlichen Belastungen. Eine Erstuntersuchung nach G35 ist formal ab einer Gesamtaufenthaltsdauer von 3 Monaten pro Jahr im Ausland vorgeschrieben. Die Durchführung der Erstuntersuchung gemäß G35 obliegt in der Regel dem Betriebsarzt (2) und umfasst eine Tauglichkeitsbeurteilung und eine arbeits- und reisemedizinische Beratung. Im Anschluss an den Aufenthalt sind Nachuntersuchungen (Rückkehruntersuchungen) vorgesehen. (3) Trotz dieser berufsgenossenschaftlichen Regelung liegen hier immer noch große Defizite vor. (4) Insbesondere schließt die "Tropentauglichkeit" keine Unfälle aus.

Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers ("Duty of Care") erlischt aber nicht mit Verlassen der Bundesrepublik Deutschland. Auch am neuen Arbeitsplatz in möglicherweise entlegenen Regionen der Erde, die einerseits besondere gesundheitliche Risiken mit sich bringen (Unfallrisiko, Infektionskrankheiten, psychische Belastung) und andernseits gegenüber Europa eine deutlich schlechtere medizinische Infrastruktur bereitstellen, muss der Mitarbeiter sich auf eine medizinische Versorgung verlassen können. (5) Im Falle von Unfällen sollte eine Versorgungskette bis hin zur möglicherweise notwendigen Repatriierung aufgebaut sein, die alle modernen Möglichkeiten der Versorgung darstellt.

Schlussfolgerungen:
Eine rein finanzielle Absicherung der gesundheitlichen Risiken des Arbeitnehmers bei Langzeitaufenthalt im Ausland durch eine Auslandskrankenversicherung reicht zur Erfüllung der Fürsorgepflicht nicht aus. Grade im Hinblick auf mögliche Unfälle muss der Arbeitgeber auch die organisatorischen Maßnahmen sicherstellen, die u.a. eine medizinische Versorgung im Ausland und unter besonderen Bedingungen garantieren. Er kann dies durch eigene Organisationseinheiten tun oder diese Dienste an andere Organisationen delegieren. Große Unternehmen, insbesondere aus dem Bereich Energiewirtschaft, Bergmau oder Infrastruktur unterhalten teilweise auf ihren Baustellen bzw. Projekten dazu eigne medizinische Einrichtungen (Clinics). Vor allem mittelständische und kleinere Unternehmen deligieren diese Tätigkeit an professionelle Anbieter medizinischer Leistungen. Hierzu stehen Assistance-medizinische Dienste mit Alarmzentralen und versierte Organisationen mit der weltweiten Möglichkeit, medizinische Infrastruktur aufzubauen. Den beruflich Reisenden und vor allem auch den Arbeitgeber auf die Notwendigkeit, die medizinische Betreuung auch im Ausland zu garantieren, hinzuweisen, ist unter anderem auch eine verantwortungsvolle Aufgabe aller reisemedizinisch tätigen Ärztinnen und Ärzte.


Literatur:
1. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen. 4. Auflage, Stadt: Gentner Verlag; 2007: 18-19
2. Mikulicz U. Der Arbeitsaufenthalt im Ausland aus Sicht des Betriebsarztes. Praktische Arbeitsmedizin 2007; 9: 30-34
3. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen. 4. Auflage, Stadt: Gentner Verlag; 2007: 463-476
4. Müller-Sacks E, Gesundheitsvorsorge bei Fernreisen. In: Gert-Otto Rieke, Hrsg. Modernes Geschäftsreise-Management 2009, Stadt: Alabasta Verlag München; 2000; 104-105
5. Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit; §§ 3, 4, 9 und 10