Abenteuerreisen: touristische Definition und zukünftige Perspektive
Peter Krawczack
Akademie für Touristik, Berlin
 
Meine sehr geehrten Damen, meine Herren,
als der Urvater der internationalen Touristik, der Australier Thomas Cook, am 22.09.1872 von Liverpool aus die erste Weltreise über rund 40.000 km organisierte, dauerte diese Reise 222 Tage und war damit sicherlich die erste Abenteuerreise im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie führte mit einem Dampfschiff über den Atlantik, in Postkutschen durch Amerika, mit einem Raddampfer nach Japan und über Land durch Indien und China. Für einen indischen Fürst organisierte der gleiche Mann eine Reise durch Europa. Das Abenteuerliche daran, in seiner Begleitung befanden sich 33 Tiger. Wenn Sie heute den Begriff "Abenteuerreisen" hören, denken Sie vielleicht an Jules Vernes Reise "In 80 Tagen um die Welt" und an die letzte Verfilmung, die teilweise ja hier in Berlin gedreht worden ist.

Heute steigen Sie in einen Großraumjet vom Typ A-380 und können diese 40.000 km, mit vielleicht zwei Zwischenlandungen in rund 48 Stunden zurücklegen. Die Besonderheit dabei ist daran nur noch, dass Sie diese Reise zusammen mit rund 450 Passagieren erleben können. Abenteuerlich ist das bestimmt nicht mehr. Die Frage ist deshalb, kann man heute noch von "Abenteuerreisen" sprechen, wenn bei einer Pauschalreise von der Information, über Buchung und Verkauf, Anreise, Transfer, Hotelaufenthalt, Wellness, Events und aller lukullischen Genüsse alles bestens organisiert, gesteuert, überwacht und mit Qualitätssiegel versehen ist?

Thomas Trümper definiert die Abenteuerreise als Reise, bei der "Aktivitäten mit den für abenteuerliche Situationen charakteristische Erlebnissmerkmale überwiegen und die um ihrer selbst Willen erlebt werden, d.h. ein Abenteuermotiv muss bestehen." (Trümper, 1995)

Die Reiseveranstalter stufen die Touristen bekanntlich nach Typen ein:
U.a. gibt es den
S-Typ für Sonne, Strand, See,
F-Typ für Ferne, Abwechslung, Vergnügen,
W-Typ für Wald, Wandern, Sport,
B-Typ für Bildung, Besichtigung, Sehenswürdigkeiten sammeln, und den
A-Typ für Abenteuerurlauber, der gekennzeichnet wird
"durch die Suche nach einem "einmaligen Erlebnis", wobei dieses nicht allein und der unkontrollierten Gefahr ausgesetzt erlebt wird, sondern mit kontrolliertem Risiko und meist in einer Gruppe von Gleichgesinnten"
(nach Hahn/Kagelmann, 1993)

Roland Berger, der sich ja bekanntlich um alles kümmert, hat 2005 eine Profilmatrix des Touristen mit 19 Werten aufgestellt, u.a. den Wert "Thrill & Fun" - Risiko, Abenteuer, Adrenalin und leitet von seinen Werten 8 klassische Zielgruppen ab:
Performer: leistungsorientiert, rational, pro-technisch, elitär
Humanisten: ethisch, solidarisch
Maximalisten: Ich-zentriert, stilsicher, vom Mittelmaß abhebend, lehnen Verzicht und Sparsamkeit ab, Innovation
Träumer: idealistisch, auf der fühlbaren Seite des Lebens, setzen auf Solidarität u. soziales Engagement
Hedonisten: starke Individualisten, suchen Abwechslung und äußere Reize, spontan, trendbewusst, sorglos
Minimalisten: preisbewusst, sparsam, auf das Wesentliche reduziert, Ordnung, Haltbarkeit, Verlässlichkeit
Traditionalisten: bewahren Normen, Sicherheit, Pflichtbewusstsein, Ordnung, ruhig, risikoarm
Individualisten: freie Selbstentfaltung, starke und unabhängige Persönlichkeiten, suche nach neuen Heraus- forderungen, Markenkonsum und Luxus spielen keine Rolle

Möglicherweise steckt in jedem Typ ein Stückchen Abenteuerlust drin. Ein anderer Autor, von Litscher, hat die Einteilung nach Lieblingsfarben vorgenommen, wonach die Farbe "Rot" für den Abenteuerurlauber steht. Rot wird in diesem Fall mit Erregung, Bewegung und Aktivität assoziiert. Jetzt besteht allerdings die Gefahr, vom Thema abzuweichen, weil ich mir vorstellen kann, an welche Abenteuer Sie jetzt vielleicht denken. So weit sind Sie allerdings nicht entfernt, denn viele Urlauber bezeichnen ja die Suche nach "Erregung" auch als "Abenteuer". Aber dazu muss man ja nicht in den Urlaub fahren, manchmal reicht ja auch ein Messebesuch, um so ein "Abenteuer" zu erleben. Aus meiner Sicht bedeutet Abenteuer im Urlaub "Lebendigkeit" und "Spontanität" im Gegensatz zu "Zivilisation", "Technik" und vor allem "Künstlichkeit", d.h. Abenteuerurlaub steht meistens in Zusammenhang mit Natur, insbesondere mit der unberührten Natur. Also das "Bezwingen" der Natur, des Berges, des Flusses, der Wüste oder der Eismassen, so lange es das alles noch gibt.

Christina Rupe sagt: "Der Erlebniswert der Reisen soll speziell durch äußere Bedingungen und psychophysische Anforderungen betont werden." (Christina Rupe, 2000)

Das Abenteuer an sich wird absichtlich gesucht und kann sowohl aus Sportarten (Tauchen, Surfen, Mountainbiken, Snowborden, Free-Climbing, Para-Gliding, Wildwasser-Rafting, Whale-Watching, Reiten, Motorradfahren, Fliegen, Ballon-Fahren, Fallschirmspringen usw.) als auch durch leichtere Herausforderungen in der Natur bestehen.

Alles das wird inzwischen in fertigen Packages und sogenannten "Abenteuerangeboten" verkauft, in denen das Risiko in einem überschaubaren Rahmen gehalten wird. Man muss also - trotz all dem gesuchten Abenteuer - nicht auf die gewohnte Sicherheit verzichten.

Zu den Angeboten gehören Expeditionsreisen, Abenteuersportreisen, Fun & Action, Erlebnis- und Bewegungsurlaub. Fast jeder der rund 240 deutschen Reiseveranstalter bietet in seinen Katalogen so etwas an. Das Risiko besteht immer nur dann, wenn man Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes oder der Reiseveranstalter missachtet, Reisen in Bürgerkriegsgebiete unternimmt, Regionen mit ethnischen Konflikten besucht, oder man in Ländern mit ärmlichen Verhältnissen seinen Wohlstand demonstriert (Frauen mit kompletten Kriegsschmuck zur Safari in Kenia oder Männer mit den bekannten Hängetaschen am Handgelenk).

Dann kann nämlich auch eine ganz normale Pauschalreise sehr "abenteuerlich" werden. Auch wenn man glaubt, allein mit dem Motorrad durch die Sahara fahren zu können, dann ist das Risiko nicht mehr überschaubar, sondern überhaupt nicht kalkulierbar.

"Abenteuerreise heißt, Ferien abseits überlaufender Touristengebiete verbringen, auf den Spuren einstiger Entdecker zu wandeln und dabei einen Hauch von Abenteuer erleben zu wollen. Dabei werden unterwegs Grenzerfahrungen über seine eigene Leistungsfähigkeit gemacht, lernt man das Leben in seiner ganzen Vielfalt kennen, sammelt Erkenntnisse, die auch Menschen berühren, die an "abenteuerlichen" Kraftakten kein Interesse haben". (nach "Sich einfach auf den Weg machen", Berlin 2000)

Für mich war der Besuch einiger indonesischer Inseln, auf denen noch nie ein Tourist war, in Begleitung des bekannten Weltenbummlers, Dr. Werner Weglein, das Abenteuer an sich. Kein Telefon, kein Fernsehen, kein Hotel.

Besteigen eines Vulkankraters bis zur völligen Erschöpfung, Begleiten der Walfänger auf See, wobei die Wale, die zum Überleben der Dorfbewohner notwendig sind, noch mit der Handharpune gefangen werden, das Zerlegen der Wale am Strand, der Tausch des Walfleisches mit Ziegen und Hühner der Bergbewohner, das Festmahl einer gegrillten Riesenschlange am Lagerfeuer und das Übernachten auf Strohmatten in den Hütten der Insulaner.

"Die Erfahrungen vieler Berufsabenteurer und leidenschaftlicher Globetrotter zeigen, dass es weniger Tollkühnheit als vielmehr ein höheres Maß an Eigeninitiative ist, was den Abenteurer vom Normalbürger unterscheidet - und dass Abenteurer zu sein, nicht in erster Linie bedeutet, gefahrvolle Risiken einzugehen.

Abenteurer zu sein, das heißt zuallererst, sich frei zu machen von der Angst davor, was Familie, Freunde oder Nachbarn sagen könnten, wenn man aus seinem festgefahrenen Alltag ausschert und damit beginnt, sich seine Träume zu verwirklichen" (nach "Sich einfach auf den Weg machen", Berlin 2000)

Der Trend geht schon lange weg vom 0815-Urlaub - etwas Nervenkitzel, unberührte Natur und Landschaften fernab vom Massentourismus sind gefragt.

Letztlich definiert jeder einzelne selbst, was für ihn persönlich Abenteuerreisen sind. Jeder Reisende hat unterschiedliche Grenzen, die er besser nicht überschreiten sollte.

Für mich war an meinem 70. Geburtstag der erste Fallschirmsprung aus 4.000m Höhe ein absolutes Abenteuer, meine Frau sah von unten zu und fiel fast in Ohnmacht und für meinen Fallschirmlehrer war es tägliches Allerlei, weil es sein Job war.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele schöne abenteuerliche Reisen und hoffe, dass Ihr Urlaub niemals "abenteuerlich" im negativen Sinne verläuft oder endet.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.