Wilderness Medicine - ein Fach etabliert sich
PD Dr. med. Rainald Fischer,
Pneumologie, Universität München
 
Wilderness Medicine - was ist das eigentlich? Medizin, die besonders wild ist? Nein, Wilderness Medicine (WM) umfasst die gesamte Breite der Medizin, allerdings in unüblichen Umgebungen oder Standorten. Entstanden ist die WM ursprünglich aus der Notwendigkeit, auch in entlegenen oder unwegsamen Gebieten medizinische Hilfe anzubieten. Dies bezog sich anfangs auf die Nationalparks Nordamerikas, wurde aber schon bald in alle Regionen der Welt ausgedehnt, die nicht mit konventionellen Verkehrsmitteln erreichbar waren. WM ist damit zum einen Notfall- und Rettungsmedizin für Gebiete, die keine klassischen Rettungsmöglichkeiten anbieten, aber auch "hausärztliche" Betreuung in medizinisch nicht versorgten Gebieten.

Thematisch behandelt die WM die ganze Bandbreite der Medizin, hat ihre Schwerpunkte aber in der Tauchmedizin, Reise- und Tropenmedizin, Berg- und Höhenmedizin, Rettungs- und Notfallmedizin. Wichtig ist aber auch das Handwerkszeug, das es dem Arzt entweder ermöglicht, zum Patienten zu kommen oder den Patienten aus unwegsamen Gebieten wieder in die Zivilisation zu bringen. Daher gehört immer auch die behelfsmäßige Bergung, Rettung aus Bergnot, Vermisstensuche und vieles mehr in die Ausbildung im Bereich WM. Viele der medizinischen Bereich sind oft auch Randbereiche der klassischen Fachgesellschaften und werden dort zumindest curricular gelehrt oder in Kongressen abgebildet.

Allerdings wurden diese Einzeldisziplinen erst durch die Gründung der Wilderness Medicine Society 1984 thematisch zusammengefasst und ein Curriculum der WM entwickelt. Wer die ganze Bandbreite der WM abdeckt oder in Kursen sich thematisch fortbildet, kann Mitglied der Academy of Wilderness Medicine werden und damit belegen, dass er die ganze Bandbreite dieses jungen Faches kennt.

Kurse zur Weiterbildung im Bereich Wilderness Medicine beinhalten immer auch den Kontakt mit der Natur. Am Beispiel der Alpinärztekurse, die von der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin (ÖGAHM) sowie der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin (BExMed) angeboten werden, wird aufgezeigt, wie das Curriculum zum Erwerb des Doctors of Mountain Medicine aufgebaut ist und wie ein typischer Kursablauf aussieht. Nach dem international anerkannten Diploma of Mountain Medicine kann auch noch der Kurs zum Doctor of Expedition Medicine angeschlossen werden. Aber auch diese Weiterbildung ist nur ein Teil der Weiterbildung im Bereich Wilderness Medicine, die allerdings weltweit von den Behörden noch nicht als Zusatzqualifikation anerkannt ist. Vielleicht ist das aber auch bedingt durch die Mitglieder der WMS selbst, die durch die Wahl ihres Schwerpunktes zeigen, dass sie oft nicht in den konventionellen Bahnen des Medizinbetriebes denken und arbeiten wollen. Beispiele hierfür gibt es dann großer Zahl auf dem vierjährlich stattfinden World Congress of Wilderness Medicine zu sehen, gemeinsam mit dem wichtigen Erfahrungsaustausch mit vielen gleichgesinnten Ärzten.