Medizinische Notfälle an Bord - Zahlen - Daten- Fakten
Prof. Dr. med. Uwe Stüben,
Leiter des Medizinischen Dienstes der Lufthansa
 
Der zivile Luftverkehr ist seit Jahrzehnten eine Wachstumsbranche mit jährlichen Steigerungsraten von fünf bis sieben Prozent.

War es vor 20 Jahren noch ein exklusives Privileg, im Flugzeug zu reisen, ist dieses Verkehrsmittel heute für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich und wird entsprechend genutzt.

Jährlich reisen derzeit etwa 2 Milliarden Menschen mit dem Flugzeug. Allein mit der Lufthansa flogen im Jahre 2004 über 50,2 Millionen Passagiere. Zu jeder Minute eines Tages befindet sich an Bord von Lufthansa-Flugzeugen eine Anzahl von Passagieren, die der Bevölkerungszahl einer mittleren Stadt mit 50.000 Einwohnern entspricht. Ähnlich wie in einer solchen Stadt steigt auch die Anzahl der älteren Menschen an Bord von Flugzeugen und es ereignen sich vergleichbar viele gesundheitliche Zwischenfälle.

Eine Luftverkehrsgesellschaft muss sich darauf einstellen, akut erkrankten Passagieren während eines Fluges möglichst effektiv zu helfen. Grundsätzlich gehört dazu die gesetzlich vorgeschriebene, zur Sicherheitsausrüstung eines Flugzeuges gehörende medizinische Ausstattung. Darüber hinaus gibt es aufgrund von Erfahrungswerten im jeweiligen Streckennetz zusätzlich notwendige medizinischen Geräte.

Dieses ist eine im wesentlichen von wirtschaftlichen und Marketinggesichtspunkten bestimmte zusätzliche Ausrüstung. Sie soll neben der erhöhten Sicherheit in erster Linie verhindern, dass aufgrund eines medizinischen Notfalls eine Ausweichlandung erforderlich wird und die natürlich auch die Behandlung der häufigsten Befindlichkeitsstörungen an Bord möglich macht.

Die medizinische Ausrüstung und die am häufigsten auftretenden Krankheitsfälle bedürfen zur Beherrschung einer sachkundigen Flugzeugbesatzung, die in Erster Hilfe gut ausgebildet und regelmäßig trainiert ist, da sie auch ohne ärztliche Hilfe an Bord diese medizinischen Notfälle beherrschen muss.

Darüber hinaus müssen exakte Verfahren bei nicht beherrschbaren medizinischen Zwischenfällen an Bord festgelegt und geschult werden, um durch eine schnelle Ausweichlandung, möglichst an Orten mit maximaler medizinischer Versorgung, das Leben des akut erkrankten Passagiers zu erhalten.

Die Lufthansa hat in den 50 Jahren ihres Bestehens immer großen Wert auf eine gute medizinische Versorgung ihrer Flugpassagiere gelegt. Neben den vorher beschriebenen drei Säulen bei der medizinischen Versorgung an Bord versuchen wir, bei Passagieren mit bekannten Vorerkrankungen eine exakte Risikoeinschätzung für die Flugreise vorzunehmen. Dieses dient in erster Linie zur Sicherheit des betroffenen Passagiers, aber natürlich auch aller mitreisenden Fluggäste, die pünktlich und ohne unvorhergesehene Zwischenlandung am Zielort ankommen möchten.

Zur Beurteilung der Flugreisetauglichkeit unterhält der Medizinische Dienst der Lufthansa einen ärztlichen Bereitschaftsdienst sowie ein Netzwerk von Vertragsärzten an allen 196 Destinationen, die von Lufthansa angeflogen werden. Alle diese Maßnahmen haben über die Jahre dazu geführt, dass, gemessen an der Anzahl der Passagiere, die Zahl der dokumentierten medizinischen Zwischenfälle an Bord einerseits äußerst gering ist, andererseits aber erfreulicherweise durch diese Beratungen und ärztliche Information noch weiterhin reduziert werden konnte.

Die Mehrzahl dieser Notfälle ereignet sich im Interkontinentalverkehr, überwiegend hervorgerufen durch Kreislauf-Beschwerden im Sinne eines Kollapses. Herzerkrankungen wie Angina pectoris oder Infarkt liegen hingegen deutlich unter 10%. Gastrointestinale Symptome bilden dann die zweitgrößte Gruppe von Zwischenfällen.

Trotz ständig ansteigender Passagierzahlen konnte die Zahl der Todesfälle an Bord in den Jahren 2000 bis 2004 von 11 auf 5 halbiert werden. Die Zahl der Ausweichlandungen blieb im gleichen Zeitraum mit im Durchschnitt 35 konstant.

Erfreulich ist die große Zahl hilfswilliger mitreisender Ärzte an Bord unserer Flugzeuge. In 85 % bis 92 % aller medizinischen Notfälle an Bord konnte in den vergangenen vier Jahren ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Alle Airlines und vor allem die in einen medizinischen Notfall involvierten Besatzungen sind für diese große Hilfsbereitschaft sehr dankbar. Sie bietet nicht nur eine erhebliche Sicherheit für die Besatzungen sondern stellt auch für die übrigen Passagiere eine deutliche Steigerung des Komforts dar, da der Flug dann in der Regel unbeeinträchtigt zu Ende geführt werden kann.

Die Lufthansa ist auch weiterhin bemüht, die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung an Bord zu verbessern, insbesondere natürlich auch im Hinblick auf die kommende Flugzeuggeneration des A380 mit bis zu 555 Passagieren an Bord einerseits und erheblicher Verlängerung der Flugstrecken mit reduzierten Möglichkeiten einer Ausweichlandung in medizinischen Notfällen andererseits.