SARS, Influenza und Vogelgrippe - Gefahren durch moderne Pandemien
Prof. Dr. med. Thomas Löscher
Tropeninstitut der LMU, München
 
Infektionskrankheiten sind trotz großer Bekämpfungserfolge unverändert von enormer globaler Bedeutung mit vielfachen politischen und ökonomischen Auswirkungen weit über die medizinischen Probleme hinaus. Neben der Persistenz und dem Wiederauftreten altbekannter Infektionen kam es in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu Pandemien und pandemischen Bedrohungen durch völlig neue Erreger. Prominente Beispiele sind neben der weltweiten Ausbreitung von HIV/AIDS das Auftreten der SARS-Epidemie und die zoonotische Ausbreitung der aviären Influenza durch das H5N1-Virus in Asien und bis nach Europa und Afrika.

Ebenso bedeutsam, wenn auch weniger öffentlichkeitswirksam, ist die Ausbreitung von Erreger-resistenzen etwa bei multiresistenten Krankenhauskeimen, Tuberkulosebakterien, Malariaerregern oder HI-Viren, oder von neuen Varianten bekannter Erreger mit besonderer Virulenz oder fehlender Immunität in der Bevölkerung (z.B. Influenzavirus-Driftvarianten, Clostridium difficile ribotype 027, Norovirus GG.II-4).

Die Ursachen für die Entstehung und Verbreitung neuer Erreger bzw. neuer Erregervarianten sind vielfältig. So begünstigen hohe Populationsdichten von Mensch und Tier Erregerzirkulation und Selektion von Mutanten mit veränderter Virulenz oder Antigenität (z.B. Influenzaviren, SARS-Coronavirus). Die Fortschritte der Medizin mit einer zunehmenden Zahl von alten und abwehr-geschwächten Patienten, die unkritische Anwendung von Antibiotika oder ihr Einsatz in der Tiermast als Wachstumsförderer fördern die Entstehung resistenter Erregervarianten. Auch Verhaltens-änderungen (z.B. Freizeitverhalten, Promiskuität, i.v.-Drogenkonsum) können zur Verbreitung neuer Erreger beitragen. Ein entscheidender Faktor für die Zunahme von Potenzial und Geschwindigkeit einer pandemischen Erregerverbreitung ist jedoch die Globalisierung mit ihrem enormen Anstieg der Mobilität und internationalen Migration des Menschen sowie der internationalen Transporte von Tieren, Pflanzen und Waren aller Art. Dies hat dazu geführt, dass jeder Ort der Erde innerhalb kürzester Zeit erreichbar ist und dass nicht nur Infizierte und Erkrankte sondern auch Erreger und Vektoren mit Hochgeschwindigkeit reisen können. Aktuelle Beispiele sind die epidemische Ausbreitung des Chikungunya-Fiebers in Asien, die Wiedereinschleppung von Polio durch Reisende, oder die rasche Verbreitung von Influenzavirus-Typen mit veränderter Antigenität. Auch Vektoren werden heute durch internationale und interkontinentale Transporte verschleppt und können bei geeigneten Bedingungen neue Verbreitungsgebiete erobern. So hat sich die asiatische Tigermücke Aedes albopictus in Teilen von Südeuropa verbreitet und ermöglichte im Spätsommer 2007 den Ausbruch einer Chikungunya-Fieberepidemie in Norditalien.

Diese veränderten Bedingungen erfordern neue und angepasste Strategien der Prävention und Bekämpfung. Moderne epidemiologische Surveillance und die Erarbeitung von Pandemie- und Notfallplänen haben in Deutschland und anderen Industrieländern wesentlich zu einer Verbesserung von Überwachung und Bekämpfung aktueller Infektionsprobleme sowie zur besseren Vorbereitung auf mögliche zukünftige Bedrohungen beigetragen. Allerdings ist es beim erstmaligen Auftreten neuer Erreger oder Erregervarianten auch für Fachleute oft schwierig, epidemisches Potenzial und Bedeutung einzuschätzen (z.B. BSE, aviäre Influenza). Unsicherheitsfaktoren sind zudem zoonotische Reservoire und Vektoren mit schwieriger und aufwändiger Überwachung wie z.B. die aviäre Influenza oder das West-Nil-Virus bei Wildvögeln. Entscheidend bei neuen Bedrohungen ist daher das rasche und effektive Zusammenwirken aller Akteure, um unter Berücksichtigung von Wirksamkeit, Mach- und Finanzierbarkeit adäquate Strategien zur Bekämpfung und Gefahrenabwehr zu entwickeln und zu implementieren.

Entwicklungsländer sind besonders von den Folgen neuer und alter Pandemien betroffen. Sie sind jedoch aufgrund von Armut und ihrem generellen Mangel an Ressourcen mit schwachen, zum Teil kaum existenten Gesundheitssystemen, am wenigsten in der Lage, diese Probleme zu überwinden. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung wird sein, inwieweit es der Menschheit gelingt, einerseits das extreme Gefälle zwischen den Industrie- und Schwellenländern und den ärmsten Ländern auszugleichen und andererseits adäquat auf neue Probleme und Bedrohungen zu reagieren.