Stand der Entwicklung neuer Reiseimpfstoffe
PD Dr. med. Tomas Jelinek
CRM - Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf
 
Die Indikation für reisemedizinische Impfungen ist in hohem Maße auch der epidemiologischen Dynamik einzelner Erkrankungen unterworfen. Mit der globalen Zunahme an Zahl, Ausbreitung und Inzidenzen von Emerging Infectious Diseases ist der Bedarf an neuen Impfstoffen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Zudem sind zahlreiche neu eingeführte oder vor der Einführung stehende Impfstoffe, die primär nicht für die Reisemedizin entwickelt worden sind, auch im Rahmen der Beratung vor Auslandsreisen interessant.

Bereits auf dem Markt, aber dennoch als "neu" einzustufen, sind die Impfstoffe gegen Cholera und HPV. Im Gegensatz zum zuvor verfügbaren, parenteralen Impfstoff zeigt der neue, orale Totimpfstoff gegen Cholera eine gute protektive Effektivität bei minimaler Nebenwirkungsrate. Über die in Deutschland auf die Impfung gegen Cholera eingeschränkt Zulassung hinaus bietet der schwedische Impfstoff jedoch einen zusätzlichen Schutz gegen das hitzelabile Toxin von enterotoxigenen E. coli (ETEC). Die Indikation für ETEC-Reisediarrhöe-Impfung kann bei Reisenden bestehen, die in hochendemische Gebiete reisen und das Risiko für Durchfall reduzieren wollen. Hier zeichnen sich sehr gute klinische Erfolge bei der Durchfallprävention ab. Als sexuell übertragbare Erreger sind Humane Papilloma-Viren (HPV) als Verursacher von Condylomen und Zervixkarzinomen durchaus auch in der reisemedizinischen Beratung relevant. Im letzten Jahr sind zwei Impfstoffe zugelassen worden. Hierbei induziert der tetravalente Impfstoff eine gute Protektion gegen einen wesentlichen Teil der Virustypen, die Condylome und Zervixkarzinome verursachen, während der bivalente bei offenbar besserer Immunogenität nur einen Schutz gegen letzteres bietet.

Vor kurzem zugelassen oder in absehbarer Zeit (im Laufe 2008) auf den Markt kommend sind neue Impfstoffe gegen Influenza (saisonal und pandemisch) und Japanische Enzephalitis. Zeitlich noch etwas weiter entfernt, aber in greifbarer Nähe sind Impfstoffe gegen Herpes zoster und Meningokokken-Meningitis (Serotypen B und ACWY).
Insbesondere Impfstoffe gegen pandemische Influenza sind hochaktuell und haben bei weitem nicht nur in der Reisemedizin Relevanz. Die Zulassung der ersten Produkte ist bereits erfolgt. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Strategie einer Präpandemie-Impfung muss jedoch vor allem auch das bisherige Vorgehen zur Influenzaimpfung radikal geändert werden.
Japanische Enzephalitis ist eine durch Mücken übertragene Virusinfektion, die ausschließlich in Asien vorkommt. Die durch Mücken übertragene JE ist weltweit die häufigste Ursache viraler Enzephalitiden und in vielen ländlichen Regionen Asiens ein ernstes Gesundheitsproblem. Die JE tritt hauptsächlich in der Nähe landwirtschaftlicher Betriebe auf, da für die Mücken Reisfelder ideale Brutplätze und Nutztiere ein wichtiges Virusreservoir darstellen. Es handelt sich bei der Japanischen Enzephalitis um eine der ernstesten Enzephalitisformen mit einer Letalität von ca. 30% sowie einer hohen Rate von Residualschäden bei den Überlebenden. Verfügbar ist ein abgetöteter Impfstoff, der einen hohen Grad an Schutz hervorruft. Er ist in Deutschland nicht zugelassen, kann aber über eine internationale Apotheke beschafft werden. Mit der Zulassung einer in Europa produzierten Zellkulturvakzine ist bis Ende 2008 zu rechnen. Diese zeigt in den Zulassungsstudien deutliche Vorteile bei der Immunogenität und Reaktogenität im Vergleich zu den bisher verwendeten Impfstoffen.
Sehr interessante Ergebnisse sind publiziert zum in den USA bereits zugelassenen Impfstoff gegen Herpes zoster. Die Impfung wird insbesondere für chronisch Kranke und für Personen über 60 Jahre interessant werden.
In 1-2 Jahren wird in Deutschland eine konjugierte, tetravalente Vakzine gegen Meningokokken-Meningitis verfügbar sein. Erwartungsgemäß zeigt diese sehr gute Daten zur Immunogenität und zum Langzeitschutz. Die ebenfalls vermutlich bald verfügbare Impfung gegen Meningokokken Typ B ist reisemedizinisch weniger relevant, hat jedoch einen erheblichen potentiellen Stellenwert bei der Immunisierung von Kindern und Adoleszenten.

Impfungen gegen Hepatitis E und Malaria wurden mit zum Teil sehr erfreulichen Ergebnissen getestet. So fand sich eine Schutzrate von 95,5% gegen Hepatitis E in einer Phase II-Studie. Der aktuell am weitesten entwickelte Malariaimpfstoff führt zu einer Reduktion der klinischen Malariafälle um 18% und der schweren Malariaepisoden um 49%. Eine Impfung gegen Malaria auf der Basis der derzeit getesteten Impfstoffe wird allerdings mit Sicherheit keinerlei Relevanz für die Reisemedizin haben, da mit diesen Zahlen eine akzeptable Protektion nur bei Kindern in Endemiegebieten erreicht wird.

Weiterhin wird sehr intensiv an einem Impfstoff gegen Dengue-Viren gearbeitet. Eine pädiatrische Vakzine wird voraussichtlich ab 2008/2009 in Phase III-Studien in Asien getestet werden. Ein effektiver Schutz gegen alle 4 Serotypen ist jedoch noch nicht absehbar.
Gegen das aktuell ebenfalls sehr aktive Chikungunya Virus wurde bereits in den 1990ern eine Vakzine entwickelt und mit Erfolg getestet. Unter dem Eindruck der Chikungunya-Ausbrüche im Indischen Ozean wird die Weiterentwicklung bis zur Marktreife seit 2007 von der französischen Regierung betrieben, die den zuvor getesteten Impfstamm aus den USA übernommen hat. Parallel scheinen indische Arbeitsgruppen an einem Impfstoff zu arbeiten.

Insgesamt sind in den nächsten Jahren zahlreiche Neuentwicklungen und Zulassungen von Impfstoffen zu erwarten, die allesamt in der reisemedizinischen Beratung relevant sein können.