Emerging diseases - neue Krankheiten - Gefahren für den Reisenden?
Prof. Dr. med. Gerd-Dieter Burchard,
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg
 
Unter dem Begriff "emerging diseases" werden verschiedene Gruppen von Krankheiten zusammengefasst:

Zum einen gibt es Erreger, die unter bestimmten Bedingungen in der Lage sind, die Spezies-Grenzen ihrer Wirtsorganismen zu überwinden und als Pathogen in einer neuen Art, zum Beispiel beim Menschen, aufzutreten. Dieser Sprung über die Spezies-Barriere ist insgesamt ein seltenes Ereignis, weil hierzu meist mehrere Mutationen notwendig sind, die dann zunächst die Fitness in der ursprünglichen Art herabsetzen, bevor nach Übergang auf die neue Art durch weitere Mutationen die Fitness in dieser gesteigert wird ("valley of fitness"). Wenn einem Erreger allerdings der Sprung auf eine neue Spezies gelungen ist, stellt er für diese eine große Gefahr dar, weil keine Immunität vorhanden ist - dieses ist die Befürchtung beim Pandemie-Influenza-Virus. Wenn sich ein neuer Erreger beim Menschen etabliert hat, sind Reisende ein Potential für eine rasche weltweite Ausbreitung.

Einige seit langem bekannte Krankheiten werden als "re-emerging" bezeichnet, weil es in der letzten Zeit zu einer deutlichen Ausbreitung gekommen ist. Verantwortlich hierfür können z.B. Klimaänderungen sein, die eine Ausbreitung der Vektoren begünstigen. Ein Beispiel hierfür bietet das Chikungunya-Fieber mit epidemieartigen Ausmaßen in Ländern um den Indischen Ozean herum und auch mit vielen Fällen bei Reisenden. Auch die weltweite HIV-Epidemie bedingt, dass manche opportunistischen Infektionserreger häufiger auftreten.

Viele in Tropen und Subtropen seltene Erkrankungen werden bei zunehmender weltweiter Migration häufiger einmal importiert, am ehesten allerdings von Migranten. Diese Erkrankungen stellen für den Reisenden im Allgemeinen kein Problem dar, können in Einzelfällen aber einmal differenzialdiagnstostische Probleme bereiten. Reisende mit unklarer Symptomatik nach Tropenaufenthalt sollten daher auch einem Tropenmediziner vorgestellt werden. Ein Bespiel ist das Buruli-Ulkus.

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass zunehmend häufig auch Patienten mit Vorkrankheiten in die Tropen reisen, u.a. auch Patienten mit Immundefekt. Diese können opportunistische Erkrankungen importieren, die man hier ansonsten bisher nicht beobachtet hat, und die insofern auch als "emerging" bezeichnet werden können. Eine Beispiel ist die Penicillium marneffii-Infektion. Derartige tropentypische opportunistische Erreger können für den einzelnen Reisenden durchaus ein relevantes Problem darstellen.