Volksseuche Chagas-Krankheit - Risiko auch für Reisende?
Prof. Dr. med. Thomas Weinke, Potsdam Klinikum Ernst von Bergmann
 
Die amerikanische Trypanosomiasis (Chagas-Krankheit) ist eine durch Trypanosoma cruzi verursachte Zoonose, die durch blutsaugende Raubwanzen (Triatoma-Spezies) auf den Menschen übertragen werden kann. Die WHO schätzt die Anzahl der Infizierten in Lateinamerika auf etwa 15-18 Millionen. Ursprünglich handelte es sich um eine Erkrankung, die aufgrund der Übertragungsmodalitäten fast nur in ländlichen Gebieten vorkam. Durch zunehmende Migrationsbewegungen in Lateinamerika wird das Problem der Chagas-Krankheit jedoch auch in städtische Ballungsgebiete hereingetragen. Neben der Übertragung durch Raubwanzen kann die Infektion auch über Bluttransfusionen weitergegeben werden.

Bei der menschlichen Infektion mit Trypanosoma cruzi unterscheidet man 3 Phasen: die akute, die intermediäre und die chronische Phase.

In der akuten Phase kann es bei Einstich im Gesichtsbereich zum sogenannten Romaña-Zeichen kommen, welches durch Augen/Lid-Schwellung und regionäre Lymphknotenschwellung charakterisiert ist. Diese Symptomatik verschwindet nach 2-4 Wochen spontan, so dass der Betreffende in die asymptomatische Latenzphase übergeht. Ein Drittel der chronisch Infizierten entwickelt dann nach Jahren bis Jahrzehnten chronische Chagas-Läsionen, die sich am Herzen und im Intestinaltrakt manifestieren.
Zur Therapie existieren 2 Medikamente: Benznidazol und Nifurtimox, die jedoch über mehrere Wochen verabreicht werden müssen und oft mit Nebenwirkungen (Polyneuropathie) einhergehen. Da eine Impfprophylaxe nicht existiert, sind Bekämpfungsstrategien primär gegen die Raubwanzen gerichtet bzw. ein Blutspender-Screening muss etabliert werden.

Reisende sind in der Regel nur bei sehr engem langfristigem Kontakt in ländlichen Gebieten gefährdet, von Raubwanzen gestochen zu werden. Aufgrund der langen Latenzphase gibt es kaum Berichte von Reisenden, die sich in Südamerika infiziert haben. Dennoch sollten Reisende, die als Langzeitaufenthalter in Lateinamerika waren, serologisch auf Chagas untersucht werden. Da die Übertragung über die Raubwanzen nachts stattfindet, sollten Reisende ihre Übernachtungsquartiere unter hygienischem Aspekt in Augenschein nehmen, um ein eventuelles Vorhandensein von Raubwanzen festzustellen. Ein größeres Problem stellen lateinamerikanische Migranten dar, die sich nach Europa begeben, da gemäß einer Studie etwa 2 % serologisch als infiziert gelten müssen. So kann es bei seropositiven Schwangeren potentiell zur Übertragung der Trypanosomen auf das neugeborene Kind kommen. Dies muss auch in Mitteleuropa erfasst werden, damit das Neugeborene sofort therapiert werden kann. Ferner müssen diese Migranten als Blutspender ausgeschlossen werden.