Erreger on Tour
Krankheiten überqueren den Atlantik
Dr. med. Klaus Jörg Volkmer, CRM Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf
 
Infektionswege standen schon immer im Mittelpunkt des Interesses, wenn es um ansteckende Krankheiten ging. Die Antwort auf die Frage: "Wie kommt eine Erkrankung an den Menschen" ist, unabhängig von der Ätiologie, die Voraussetzung jeglicher Prävention. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft und schließlich für die gesamte Menschheit.

Das Wissen um lebende Erreger als Verursacher kontagiöser Krankheiten ist in der Medizingeschichte relativ jung, die ersten Entdeckungen sind nicht viel älter als 120 Jahre. Aber sie brachten etwas Konkretes; anders als Hexenzauber, Miasmen oder schlechte Lüfte waren Bakterien und Parasiten sichtbar und mit Chance fassbar, die Frage nach den Infektionswegen erhielt eine neue Dimension, nicht nur hinsichtlich der Übertragung von Mensch zu Mensch sondern auch der Ausbreitung von Kontinent zu Kontinent.

Die beiden Welten, die sog. "Neue" und "Alte", sind sich vor genau 515 Jahren erstmals begegnet. Damals kannte man noch keine Erreger. So wissen wir bis heute nicht immer so ganz genau, welche der großen Seuchen es damals schon auf beiden Seiten des Atlantik gab und welche ihn erst später überquert haben. So soll das Gelbfieber erst im 17. Jahrhundert durch Sklavenschiffe aus Afrika eingeschleppt worden sein; es ist aber ebenso gut möglich, dass es die Krankheit in Südamerika bereits in der vorkolumbianischen Zeit gab, wenn es sich bei den in alten Maya-Schriften beschriebenen Epidemien von "schwarzem Erbrechen" um Gelbfieber handelte. Bei der Pest ist es wahrscheinlich, dass der Erreger erst im Rahmen der dritten Pandemie mit Schiffen aus Asien über den Pazifik nach San Francisco gelangte und sich Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Nagerpopulation an der Westküste etablierte. Seither haben sich die Naturpestherde im Westen der USA immer weiter ausgebreitet und inzwischen die Grenzen nach Kanada im Norden und nach Mexiko im Süden überschritten. Die Cholera, deren Ursprung wohl zweifelsohne in SO-Asien liegt, wurde erst 1973 während der siebten Pandemie in Amerika nachgewiesen. Kleinere Ausbrüche entlang der Golfküste von Louisiana und Texas sprechen für eine Einschleppung durch Schiffe, was nicht ausschließt, dass es schon vorher Durchfallepidemien durch Vibrionen in der Neuen Welt gab. Den großen Coup landete die Seuche durch ihren historischen Einbruch 1991 in Lateinamerika. Ausgehend von der peruanischen Küste erreichte sie in den kommenden 3 Jahren praktisch alle Länder in Zentral- und Südamerika, über eine Million Erkrankungen mit zahlreichen Todesfällen wurden registriert, die Dunkelziffer ist sicher höher.

Einen ersten Seuchenaustausch zwischen den Kontinenten gab es gleich nach der Entdeckung Amerikas. Sechs Wochen, die sich die Matrosen des Kolumbus in Westindien aufhielten, reichten aus, um genügend Syphilis einzufangen und mit nach Spanien zu bringen, von wo aus sie die gesamte Alte Welt eroberte. Noch während die Kriege zwischen Spaniern, Franzosen und Italienern ihre Ausbreitung beschleunigten, rüstete Hernando Cortez eine neue Flotte aus und segelte 1519 mit 600 Mann über den Atlantik, um Nachschub zu holen. Das Unglück wollte es, dass ein afrikanischer Schiffsjunge auf der Überfahrt an Pocken erkrankte. Mit ihm landete das tödliche Virus erstmals in der Neuen Welt und löste in Mexiko eine verheerende Epidemie aus, der auf Anhieb mehr als 3 Millionen Einheimische zum Opfer fielen.

Fast 500 Jahre später war es ein anderer Erreger, dem mit Hilfe des Menschen der Sprung über den Atlantik gelang: Das SARS-Coronavirus. So spektakulär sein Auftritt, so geheimnisvoll ist seine Herkunft und sein Verbleib. Immerhin sind 2003 mehr als 8.000 Menschen erkrankt, 774 verstorben, die meisten in Südostasien. Ein Ehepaar aus Ontario reiste vom 13. bis 23. Februar nach Hongkong. Auf dem Rückflug erkrankte die Frau, sie verstarb am 5. März in Toronto an einer atypischen Pneumonie, nachdem sie fünf Familienmitglieder angesteckt hatte, von denen zwei verstarben. Vier weitere Importe lösten in Toronto eine örtliche Epidemie mit 251 Erkrankungen aus, von denen 43 tödlich endeten. In der gleichen Zeit importierten die USA auf dem Luftwege 29 Fälle; sie konnten abgefangen werden, mit Ausnahme einer Familieninfektion ging der Erreger hier nicht in die Zirkulation.

Nicht nur Menschen, auch Tiere dienen bestimmten Erregern als Vehikel über den großen Teich. So brachte 1989 eine Ladung Cynomolgus-Affen aus den Philippinen das Ebolavirus an die Ostküste der USA. Sämtliche Tiere, die auf einer Quarantänestation in Reston/Virginia untergebracht waren, verendeten - ein Schock für die sicherheitsbewussten Amerikaner. Vier Tierpfleger infizierten sich, erkrankten aber nicht. Es war ein glücklicher Zufall, dass es sich hierbei um die einzige Variante des Killervirus handelte, die nicht menschenpathogen ist.

Nicht ganz so glimpflich verlief der Einfall der Affenpocken in die USA. Den zu den Orthopoxviren gehörenden Erreger gab es seit seiner Entdeckung 1970 nur in Zentralafrika, wo er nach Aussetzen der Pockenimpfung und Ausweitung der Immunschwächekrankheit zu Einzelerkrankungen, Clustern und regionalen Ausbrüchen führt. Im Frühsommer 2003 tauchte er plötzlich im mittleren Westen der USA auf. Alle Erkrankten hatten zuvor Kontakt zu "Präriehunden", einer zu den Erdhörnchen gehörenden Gattung von possierlichen, hundeartig bellenden Nagetieren, die von vielen Amerikanern als Haustiere im Käfig gehalten werden. Den Sprung über den Atlantik schafften die Monkeypox allerdings mit Hilfe gambischer Riesenhamsterratten, die ihnen in Afrika als Reservoir dienen, ohne selbst zu erkranken. Bei einem Großhändler in Texas übertrugen sie den Erreger auf die empfänglichen Präriehunde, die ihn schließlich über den Zwischen- und Einzelhandel an den "Endverbraucher" weitergaben. 93 Personen aus sieben Bundesstaaten waren betroffen. Endemisch wurde das Virus in Amerika nicht.

Der wohl folgenschwerste Import durch Tiere in neuerer Zeit war das West Nile Virus. Der aus Israel stammende Typ dieses in der Alten Welt verbreiteten Flavivirus kam offenbar über eingeführte Vögel nach Amerika, bildete 1999 einen Brückenkopf in New York und eroberte innerhalb der folgenden Jahre die gesamten USA und den Süden Kanadas, wo es inzwischen endemisch ist. Mehr als 24.000 menschliche Erkrankungen mit etwa 1.000 Todesfällen wurden dort bisher registriert. Sporadische Nachweise gab es auch in anderen Ländern Mittel- und Südamerikas. - Demgegenüber hat Influenza A(H5N1), der Erreger der hochpathogenen Vogelgrippe, der sich im vorigen Jahr in Asien und Europa ausbreitete und zu mehr als 270 menschlichen Erkrankungen mit hoher Letalität führte, den Sprung über den Atlantik bisher nicht geschafft; vermutlich deswegen, weil die Zugvögel den Meridianen folgen und nicht von Ost nach West fliegen.

Nicht nur Erreger, auch natürliche Vektoren einer Krankheit finden bisweilen eine unverhoffte Mitfahrgelegenheit. Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts fuhren ausgediente französische Schnellbote ("Avisos") regelmäßig die Route Dakar - Maceio, um Post aus Europa nach Brasilien zu befördern. Bis zum Senegal ging das mit Flugzeugen, die damals für eine Atlantiküberquerung noch nicht geeignet waren. Zwei Tage brauchten die schnellen Schiffe für die Überfahrt. Leider befand sich an Bord und in den Wassertanks ein blinder Passagier, mit dem niemand gerechnet hatte: Anopheles gambiae, einer der potentesten Überträger der Malaria tropica, den es zuvor in Südamerika nicht gab. In der Folge eroberte diese Mücke rasch weite Teile der brasilianische Ostküste und verursachte dort eine Malaria-Epidemie ungeahnten Ausmaßes. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Region, die heute als malariafrei gilt, durch den Einsatz von DDT in aufwendigen Bekämpfungsprogrammen saniert.

Knapp hundert Jahre früher überquerte ein Parasit den Atlantik, der weder Mensch noch Tier, ja nicht einmal Wasser als Transportmittel benötigte. 1872 kehrte der britische Frachter "Thomas Mitchell" von Südamerika nach Afrika zurück. Als Ballast hatte er an der brasilianischen Ostküste eine größere Menge Sand gebunkert, der in Angola ausgeladen wurde. Was damals keiner ahnte: In dem Sand befanden sich zahlreiche Eier des Sandflohs, Tunga penetrans. Der Parasit, den es zuvor nur in Süd- und Mittelamerika gab, breitete sich an der westafrikanischen Küste rasch aus und wurde dort endemisch.

Nicht immer lösen "Erreger on Tour" kleinere oder größere Katastrophen aus - manchmal tun sie auch Gutes. Ende der fünfziger Jahre überquerten zahlreiche Polioviren den Atlantik in östlicher Richtung, attenuiert und sauber abgepackt. Es handelte sich um den von Albert Bruce Sabin kurz zuvor in den USA entwickelten Schluckimpfstoff, der schließlich weltweit eingesetzt wurde und eine Ausrottung der Kinderlähmung ermöglichte, die in zahlreichen Ländern bereits gelungen ist.