West-Nil- und Hantavirus-Infektionen: Relevanz für Reisende?
Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Julius Spital, Würzburg
 
West-Nil-Fieber: Das West-Nil-Fieber, eine bis vor kurzem wenig beachtete, durch Stechmücken (Culex Spezies) übertragene Arbovirose, war bis vor kurzem nur in Afrika, dem Mittleren Osten und Südosteuropa endemisch. Seit der Einschleppung in die USA und der raschen Ausbreitung in Nordamerika mit hohen Erkrankungszahlen, ist diese Infektion inzwischen auch für die Reisemedizin von Bedeutung geworden. 2006 wurden bereits erste autochthone humane Erkrankungen aus Argentinien berichtet, so dass auch in Südamerika mit einer weiteren Verbreitung des Virus zu rechnen sein dürfte.

Erstmals wurde West-Nil-Virus (WNV) im August 1999 während eines epizootischen Ausbruchs bei Vögeln und Pferden in der Gegend um New York isoliert. Im Jahr 2006 wurden 4180 humane Erkrankungen mit 149 Todesfällen registriert, von denen 68% als West-Nil-Fieber, 30% als Meningitis bzw. Enzephalitis und 2% mit einer unspezifischen Symptomatik verliefen. In den Bundesstaaten mit warmen Klima kommt es ganzjährig zur Virusübertragung. Der Anteil von Verläufen mit neurologischer Beteiligung, inzwischen als WNV-neuroinvasive Erkrankung bezeichnet, ist bisher nicht genau bekannt. Es wird jedoch geschätzt, dass es bei 1 pro 150 bis 200 Infizierten zu einer schweren Form der Erkrankung kommt. Die Inzidenz der letal verlaufenden Enzephalitis liegt in einer Größenordnung von 1 pro 1000 Infektionen. Bei Patienten mit Immundefizienz oder Tumorerkrankungen scheint die Infektion schwerer zu verlaufen. Seit kurzem liegen erste Hinweise auf mögliche WNV-assoziierte Fetopathien vor.

Durch die 2002 erstmals bekannt gewordenen transfusions-assoziierten WNV-Infektionen in den USA, gefährdet dieser Erreger inzwischen auch die Sicherheit von Blutkonserven, so dass die Einführung einer routinemäßigen Testung der Blutspenden erforderlich wurde. Wiederholt kam es auch zu letal verlaufenden, transplantations-assoziierten WNV-Infektionen. Noch liegen nur vereinzelte Berichte über Infektionen bei Urlaubern, die sich in den USA infiziert hatten, vor. In Anbetracht der hohen Zahl an Reisenden nach Nordamerika und der weiteren zum Teil bereits erfolgten Ausbreitung des Virus auf die Inseln der Karibik (z. B. Kuba, Dominikanische Republik, Cayman Inseln) muss zukünftig auch in Deutschland zunehmend mit importierten Infektionen gerechnet werden.

Hanta-Virusinfektion: Mit der Entdeckung des Sin-Nombre-Virus in den USA im Jahr 1993 wurden erstmals Hantaviren in Nordamerika nachgewiesen. Inzwischen wurden zahlreiche Sub- und Genotypen von Kanada bis Argentinien isoliert. Die Übertragung dieser Hantaviren erfolgt durch unterschiedliche Nagerarten und -spezies. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde nur aus Argentinien berichtet. Seit 1993 wurden ca. 450 Erkrankungsfälle mit einer z. T. hohen Letalität registriert, die insbesondere in ländlichen Gebieten aufgetreten waren. Klinisch verursachen die nord- und südamerikanischen Hantaviren ein akutes respiratorisches Atemnot-Syndrom. Eine spezifische Therapie steht nicht zur Verfügung. In der Reisemedizin dürfte dieser Erreger eher von untergeordneter Bedeutung sein. Lediglich bei Camping-Reisen und "out door"-Aufenthalten besteht eine gewisse Expositionsgefahr zu den Reservoirtieren.