Höhenmedizin und hohe Gipfel - als Expeditionsarzt in den Anden
Dr. med. Ulf Gieseler
Krankenhaus der Diakonissen, Speyer
 
Die Anden oder auch Kordilleren genannt sind ein Gebirgszug entlang der Westküste des südamerikanischen Kontinents von Nord nach Süd über eine Strecke von 2500 km. Dem Alpinisten bieten sich hier ungeahnte Möglichkeiten, angefangen von einfachen Trekkingtouren bis hin zu schweren Expeditionen. Der nord- und südamerikanische Kontinent sind bergsteigerisch gekennzeichnet durch zwei Gipfel, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Auf dem nordamerikanischen Kontinent ist der höchste Berg der Mount McKinley mit 6200 m, in Südamerika in Argentinien der Aconcagua mit knapp 7000 m. Beide Gipfel sind anspruchsvoll besonders wegen der Höhe, aber auch sehr unterschiedlich. Der McKinley gilt als der kälteste Berg der Erde, da er nahe am Pol liegt. Der Aconcagua ist sehr den Stürmen vom Pazifik ausgesetzt. Beide gehören zu den Seven Summits, also den höchsten Gipfeln der jeweiligen Kontinente.

Ich war als Expeditionsarzt sowohl auf dem Mount McKinley als auch Aconcagua und in den letzten Jahren insgesamt sechsmal in den Anden als Arzt unterwegs. Die bergsteigerisch interessanten Andenstaaten sind Ecuador, Peru, Bolivien, Argentinien und Chile. Sehr viele Gipfel zwischen 5000 und 6000 m sind attraktive Ziele und für Bergsteiger immer eine Herausforderung. Die ärztliche Versorgung von Alpinisten in den Anden ist gekennzeichnet durch ein im Vergleich zu den Alpen weitgehend völliges Fehlen einer Rettungsstruktur wie Hubschrauber oder Bergwacht. Dies bedeutet, dass man mit allen Eventualitäten zu rechnen hat und man ist im Zweifelsfall als Arzt völlig auf sich alleine gestellt. Hilfe von außen kann kaum erwartet werden.

Hinzu kommt die höhenmedizinische Herausforderung. So ist der Flugplatz in La Paz in Bolivien der höchstgelegene auf dieser Erde, das heißt, man landet auf 4100 m und bleibt dann auch die gesamte Zeit oben auf dem Altiplateau, also der Andenhochebene von über 4000 m. Dies erfordert eine gute Kenntnis der verschiedenen Probleme der Höhe, insbesondere den Gesetzmäßigkeiten der Akklimatisation sowie den typischen Höhenerkrankungen wie akute Bergkrankheit, Höhenhirn- und -lungenödem.

Andererseits wird von einem Expeditionsarzt erwartet, dass er körperlich fit ist und alpinistisch sehr erfahren und die Gruppe zumindest bis ins letzte Hochlager, also in Höhen bis etwa 6000 m begleiten kann. Er muss sich um die diversen Probleme der Teilnehmer kümmern, so der Hygiene, der Prophylaxe von Durchfallerkrankungen, Impfbestimmungen kennen und insbesondere zusammen mit dem Expeditionsleiter die Akklimatisation und Höhentaktik im Detail besprechen.

Die Ausbildung zum Expeditionsarzt ist eine vierwöchige Spezialausbildung, entweder bei der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin oder der Bexmed in Deutschland. Die Voraussetzung ist die Absolvierung der drei Kurse einschließlich Abschlussprüfung zum Alpinarzt und anschließend kann dann der einwöchige Expeditionslehrgang in den Schweizer Alpen absolviert werden.

Anhand vieler Bilder werde ich auf die Probleme der Berge des amerikanischen Kontinents eingehen, ebenso wie auf die Probleme der Anforderungen als Arzt in großen Höhen.