Medizinische Versorgungsstrukturen in Afrika
Dr. med. Enno Winkler,
Regionalarzt der Deutschen Botschaft, Moskau
 
Im Jahre 2004 veröffentlicht die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (WTO), dass ca. 4,4 % der Touristen weltweit Afrika besuchen. Bei jährlich fast 80 Mill. deutschen Touristen bedeutet dies, dass es ca. 3,5 Mill. deutsche Afrikareisende gibt - zum Vergleich reisen ca. 3,4 Mill. Deutsche jährlich nach Bayern. Schon seit den neunziger Jahren gibt es reisemedizinische Studien, die das Erkrankungsrisiko von Reisenden in tropische und subtropische Regionen untersuchen (1 -3). Je nach Reisestil, Destination und persönlichen gesundheitlichen Voraussetzungen ist davon auszugehen, dass Reisende nach Afrika mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 - 75 % in irgendeiner Form erkranken, wobei ein Großteil dieser gesundheitlichen Probleme selbstlimitierend ist. Statistiken gehen davon aus, dass ca. 5 % der Reisenden im Gastland einen Arzt aufsuchen müssen, das wären immerhin ca. 175.000 deutsche Afrikatouristen, 0,4 % der Reisenden werden statistisch sogar stationär am Urlaubsort behandelt. Für diese ca. 14.000 Patienten wäre es schon wichtig, über die medizinischen Versorgungsstrukturen in Afrika Kenntnisse zu haben.

Bei den Diagnosen, die zur Krankenhausaufnahme führen, sind Fieber, Durchfall, Atemwegserkrankungen, aber auch die Verschlimmerung bestehender Leiden, Unfälle und psychiatrische Erkranken zu erwähnen.

Leider versterben auch Touristen beim Besuch ihrer Traumziele (1:1000 !!). Wertet man die Mortalitätsstatistik aus, so versterben ca. 70 % an ihren vorbestehenden Erkrankungen (ältere Reisende mit Herz-Kreislauf- Erkrankungen, akutem Herzinfarkt), 25 % der Verstorbenen sind allerdings einem Unfall oder einer Gewalttat zum Opfer gefallen, "nur" 2% versterben an Infektionen. Ein großes deutsches Rettungsflugunternehmen (Deutsche Rettungsflugwacht) hat 2004 immerhin 16 % ihrer gesamten medizinischen Evakuierungen bei schwerkranken Patienten durchgeführt, die aus Afrika zurückgeführt wurden.

Als Nebenaspekt zum Thema sei erwähnt, dass es auch Medizintourismus nach Afrika gibt - die Verbindung von Urlaub mit vermeintlich preiswerten und hochqualitativen medizinischen Eingriffen insbesondere in den Bereichen Ästhetische Chirurgie, refraktäre Laser - Augenchirurgie und Zahnmedizin (Implants). Hierbei handelt es sich nach Presseverlautbarungen um einen wachsenden Markt - auch nach Afrika, obwohl hier nur wenige Destinationen um das Mittelmeer herum (z.B. Tunesien) aber auch Südafrika eine Rolle spielen sollten.

Die Qualität medizinischer Einrichtungen in der Mehrzahl der afrikanischen Länder ist sehr unterschiedlich und schwer einschätzbar, sogar für Ausländer, die lange in Afrika leben. Neben sehr guten medizinischen Einrichtungen, die sich in ihrer Ausstattung mit europäischen vergleichen lassen, in denen Ärzte arbeiten, die in den USA oder Westeuropa ausgebildet wurden und vielleicht sogar daher stammen, gibt es sehr einfache medizinische Strukturen, die eigentlich nur für ein finanziell schwaches Klientel lokaler Patienten bestimmt ist und nicht dem humanitären Anspruch auf effiziente, gefahrlose medizinische Versorgung entsprechen. Trotzdem können auch solche einfachen Strukturen im Notfall für Touristen die einzige medizinische Versorgung überhaupt darstellen. Auch die Rettungsmedizin in Afrika entspricht meist nicht westeuropäischen Vorstellungen.

Grundsätzlich - bis auf wenige Ausnahmen - sollte man besonders stationäre medizinische Behandlungen in Afrika meiden, medizinische Evakuierungen in bessere Strukturen des Gastlandes oder besser noch nach Hause sofort einleiten. Die Kenntnis der Qualität dieser medizinischen Einrichtungen ist absolut notwendig, um den Behandlungserfolg, ja manchmal auch das Überleben in diesen Krankenhäusern einschätzen zu können.

Für die Mitarbeiter der Deutschen Botschaften und Generalkonsulate in Afrika teilen sich vier Regionalärzte (Kairo, Accra, Jaunde, Nairobi) diesen Erdteil auf, auch zur Evaluierung der medizinischen Infrastruktur. Ihr Regionalarztbericht gibt den Mitarbeiten unserer Auslandsvertretungen fachkundlich fundierte Hinweise zur Qualität und zur Ausstattung von Ambulanzen und Krankenhäusern aber auch zur Qualifikation des dort tätigen medizinischen Personals.

Viele unserer Botschaften in Afrika veröffentlichen diese Hinweise auf ihren "Websides", die Homepage des Auswärtigen Amts (www.auswaertiges-amt.de) verweist Suchende auf die Informationen des Gesundheitsdienstes, der Daten zur medizinischen Infrastruktur weltweit zur Verfügung stellt.

Professionelle reisemedizinische Berater, Rettungsflugunternehmen, aber auch große Fluggesellschaften (z.B. die Vertragsärzte der Lufthansa) verfügen ebenfalls über aktuelle Daten zur medizinischen Infrastruktur, auch in Afrika.

Medizinische Strukturen in Afrika können für Patienten selbst gefährlich sein, medizinische Versorgungen sollten besser nicht - bis auf wenige Ausnahmen (Medizintourismus) - in Afrika durchgeführt werden. Informationen zur medizinischen Infrastruktur - auch aktuelle Hinweise - sind erhältlich, und sollten zumindest von Touristen mit bekannten schweren Krankheiten vorher eingeholt werden. Erkrankungen in Afrika sollten besser nicht auftreten. Eine gute reisemedizinische Beratung, das Einhalten hygienischer Empfehlungen, die konsequente Durchführung der U, das Vermeiden sexueller Kontakte oder der Gebrauch von Kondomen und insbesondere auch das Benutzen der Sicherheitsgute im Auto können dazu einen wesentlichen Beitrag leisten.