Der Meningitisgürtel in Afrika - droht die Ausweitung?
Dr. med. Ole Wichmann
Institut für Tropenmedizin Berlin und Abteilung für Infektionsepidemiologie, Robert Koch-Institut Berlin
 
Die Meningokokken-Erkrankung wird durch den Erreger Neisseria meningitidis verursacht und ist weltweit verbreitet. Es wird geschätzt, dass jährlich mehr als 500.000 Erkrankungsfälle auftreten, die sich in Form einer Meningokokkenmeningitis (Letalität 1-4 %) oder einer -sepsis (Letalität 15-20 %) manifestieren. Es sind 13 Serotypen bekannt, von denen nur 5 (Serotyp A, B, C, W-135 und Y) klinisch von Bedeutung sind. Studien belegen, dass in vielen Gegenden zwischen 10 und 30% aller Personen einer Bevölkerung asymptomatische Träger des Bakteriums sind, das in diesen Fällen den Nasopharynx der Individuen besiedelt. Eine Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion oder durch direkten Speichelkontakt. In einem geringen Teil (ca. 1%) der infizierten Personen penetriert das Bakterium die Mukosa, gelangt in den Blutstrom und verursacht die oben beschriebenen Erscheinungsbilder.

Der genaue Zusammenhang zwischen einer Trägerschaft und dem Fortschreiten zur invasiven Erkrankung ist nicht vollständig bekannt. Die Trägerschaft führt in der Regel zu einem immunisierenden Prozess mit Bildung von protektiven Antikörpern. Erkrankungen treten sowohl sporadisch als auch als in Ausbrüchen auf. Individuelle Risikofaktoren beinhalten Asplenie, Komplementmangel, oder auch das zeitgleiche Auftreten einer Infektion der oberen Luftwege. Ausbrüche werden interpretiert als das Resultat eines Eintritts und der Übertragung eines neuen und virulenteren Genotyps in eine Bevölkerung bzw. den Zuzug einer großen Gruppe von empfänglichen Individuen in eine Bevölkerung, in der ein virulenter Klon zirkuliert.

In Europa und den USA tritt die invasive Meningokokken-Erkrankung in Größenordnungen von 1 - 5 Fällen / 100.000 Einwohner auf, wobei die Serotypen B und C deutlich dominieren. Im Gegensatz dazu können während Ausbrüchen auf dem afrikanischen Kontinent bis zu 1.000 / 100.000 Menschen betroffen sein. Diese Epidemien ereignen sich hauptsächlich in einem Gebiet, das sich von Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten erstreckt: der sog. afrikanischen "Meningitis-Gürtel". In diesem Gebiet traten bislang vor allem durch Serotyp A verursachte Ausbrüche in unregelmäßigen zyklischen Abständen alle 5 bis 12 Jahre auf, jeweils in einer Dauer von zwei bis drei Trockenzeiten (Dezember - Juni). Aufgrund zunehmender Migrationsbewegungen hat sich jedoch das epidemische Gebiet auch außerhalb des klassischen "Meningitis-Gürtels" bis in die Gegend der großen ostafrikanischen Seen ausgeweitet. Unter anderem waren Länder betroffen wie Burundi, Uganda, Kenia, aber auch der Kongo und Angola. Zusätzlich trat im Jahr 2000 erstmals eine durch den Serotyp W-135 verursachte Epidemie unter Pilgern der Hadj in Mekka, Saudi Arabien, auf. In der Folge wurde der Stamm durch zurückkehrende Pilger (teils als Erkrankte, häufig aber auch nur als Träger) in die Heimatländer importiert. In diesem Rahmen erkrankten beispielsweise 90 Personen im Jahr 2000 in verschiedenen Europäischen Ländern an einer invasiven W-135 Meningokokken-Infektion. Jedoch waren auch die zwischen 2002 und 2004 in Burkina Faso jährlich stattfindenden großen W-135-Ausbrüche (mit über 1.500 Toten im Jahr 2002) auf dieses Ereignis zurückzuführen.

Derzeit steht für Reisen in den afrikanischen Kontinent zur Prophylaxe nur ein Polysaccharid-Impfstoff gegen die vier Serotypen ACWY zur Verfügung. Neben einer Impfpflicht für Pilger zur Hadj besteht die Empfehlung zur Immunisierung bei geplanten Aufenthalten mit engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung in den Ländern des "Meningitis-Gürtels". Jedoch können auch Länder außerhalb dieses klassischen Gebiets von Ausbrüchen betroffen sein, so dass der beratende Arzt über die Situation in den Reisegebieten immer aktuell informiert sein muss.