Entführung von Touristen: auch eine medizinische Herausforderung
Dr. med. Gunther von Laer,
Auswärtiges Amt - Gesundheitsdienst, Berlin
 
Entführungen von Reisenden, Touristen, Geschäftsleuten oder Politikern, Soldaten, Kombattanten oder auch einfacher Zivilbevölkerung sind häufig. Sie dienen verschiedenen Zwecken: mal sollen politische Forderungen erpresst werden, mal geht es (zum Glück?) nur um Geld, mal sind private oder militärische Vorteile oder Ziele der Antrieb und die Ursache für dieses kriminelle Verhalten. Inzwischen ist das Thema breit in den Medien diskutiert und wird bei jeder neuen, den deutschen Leser interessierenden Freiheitsberaubung im Sinne einer Geiselnahme erneut und gelegentlich auch originell auf neue Art und Weise beleuchtet.

Die Geiseln sind - bei aller unterschiedlichen Motivation und Vorgehensweisen der Täter - immer zuallererst und auf lange Zeit Opfer: In erster Linie sind sie der Gewalt unterworfen, über die ganze Zeit in Todesangst. Sie werden konditioniert durch die extreme Abhängigkeit von den Entführern zu Verhaltensweisen, die - wenn auch nur minimale - Chancen für das eigene Überleben bieten könnten. Die Situation macht krank und Geiseln sind praktisch alle - ähnlich wie Folteropfer - zunächst schwer beeinträchtigt und werden zum Teil auch dauerhaft krank: Die Post-Traumatische Streß Disorder (PTSD), die wir in anderen Zusammenhängen wie Katastrophen ja auch kennen, wird auch hier manchmal eine lebensbegleitende Einschränkung für die Betroffenen, die häufig unbeeinflusst bleibt, wenn die Therapie beim Falschen, zum falschen Zeitpunkt und mit den falschen Mitteln einsetzt.

Die Nöte somatischer und psychischer Art während der Folter (Geiselhaft) zu lindern, kann auch einmal eine medizinische bzw. ärztliche Aufgabe sein. Kaum je wird man als betroffene Ärztin oder Arzt innerhalb einer entführten Gruppe aktiv werden. Man sollte sich auch hüten, in solch eine Gruppe hineinzugehen, ist man ab da doch die wertvollste aller Geiseln und verlängert das gesamte Elend. Es gibt aber durchaus schon recht viele ärztliche Kolleginnen und Kollegen aus großen Firmen, Organisationen oder Ämtern, die als Betriebsärzte plötzlich mit der Entführung eines oder mehrerer Mitarbeiter konfrontiert sind. Und wenn Touristen in Gruppe oder allein verschwinden und dann als "Erpressungsgut" angeboten werden, dann können auch wir Ärzte eine entscheidende Rolle spielen im Rahmen von Krisenstäben, aber auch in der direkten Kommunikation mit den betroffenen Menschen. Hier gilt es - je nach Kommunikationsmedium -sich strikt zielbewusst zu verhalten, sich den Bedürfnissen des Krisenstabes ein- und unterzuordnen, möglichst klare Angaben und Daten über den Zustand der Geiseln zu bekommen und am besten mit ihnen direkt persönlich wenigstens telefonisch zu sprechen. Die dabei vom Patienten ausgehenden Informationen sind situationsgetönt, zum Teil unwahr, wurden erpresst oder ähnliches. Es finden sich aber auch zumeist andere Anteile der Daten, die durchaus wahr und damit verwendbar sind: das reicht von Bedarf an Medikamenten bei chronisch kranken Geiseln (Insulin?) über akute Hilfe (Antibiotika?) bis hin zum Bedarf an Repellentien oder Medikamenten zur Malariaprohpylaxe -je nach Ort und Umständen der Geiselhaft.

Einen "medizinischen Geiselbetreuer" gibt es natürlich nicht. Entscheidend sind für uns Ärzte (wie fast immer): möglichst weitgehende persönliche und fachliche Erfahrung, gewandtes Kommunikationsverhalten und natürlich die fachlichen Fähigkeiten, und das alles in Verbindung mit transkultureller und internationaler Medizinkompetenz wie sie nur auf wenigen Arbeitsplätzen zu akquirieren sind.

Insgesamt ergibt sich für die Geiselnehmer durch eine medizinische Betreuung - auch von außen - ein günstigeres Bild: die Geiseln halten länger durch, machen "keine medizinischen Schwierigkeiten": die Verbrecher sind uns evtl. sogar dankbar für diese Möglichkeit. Dass man damit den Geiselnehmern in die Hände spielt, muss als Gegenargument zurückstehen vor den primären Bedürfnissen, die zu erkunden und dann wenigstens ansatzweise zu befriedigen auch einmal eine ärztliche Pflicht sein kann im Rahmen der internationalen Medizin bzw. der Reisemedizin.