Medizinische Expedition nach Afrika in der deutschen Kolonialzeit
Prof. Dr. Heinz Mehlhorn,
Institut für Parasitologie der Heinrich Heine Universität Düsseldorf
 
Die Zeit nach der Gründung des Deutschen Reichs im Jahre 1871 bis zum 1. Weltkrieg war gekennzeichnet durch eine Reihe von Umwälzungen im Innern der europäischen Länder und durch ihre verstärkte Wendung nach außen - in die Ferne. Eine erste Globalisierung brachte verstärkten Handel mit fernen Ländern. Technischer Fortschritt setzte europäische Länder in die Lage, schnell und preiswert die Ressourcen an Material und Menschen in den Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas für sich einzunehmen und diesen Ländern ihre vermeintlich höhere Kultur aufzuzwängen, was letztlich dort zu Ausbeutung und Unterdrückung führte. Die europäischen Länder - überzeugt von sozialdarwinistischen Gedanken der Überlegenheit der weißen Rasse - verteilten folgerichtig auf der Berliner Kolonialkonferenz 1885 ihre Interessensphären und sprachen sich gegenseitig Kolonien/Protektorate zu. Selbst unentschlossene Länder wie Deutschland - Bismark war ein Gegner des Erwerbs von Kolonien - wurden letztlich durch Wirtschaftsinteressen von Firmen, Verbänden, aber auch einzelner Siedler zu Kolonialisten.

Mit der Etablierung der Kolonien ging aber auch der Import von Kolonialwaren und von fremdländischer Kultur einher, so daß auch in Deutschland regelrechtes Fernweh entstand, das vielfältig durch Reisen, Vorträge, Bücher, Ausstellungen befriedigt wurde. Gleichzeitig rollte eine durch wirtschaftliche Not (z.B. erster Verfall der Bergbauwirtschaft oder Missernten) bedingte deutsche Auswandererwelle zu den entsprechenden annektierten Ländern hin. Diese Personen mussten dann wieder durch Truppen geschützt werden. So entstand ein reges Hin- und Her, das letztlich auch Seuchenerreger aus fernen Ländern in die Heimat importierte, wo es dann zu massiven Ausbrüchen (z.B. der Cholera, des Typhus) kam und zahlreiche Opfer unter der ungeschützten, oft schlecht ernährten, unter Tuberkulose leidenden deutschen Bevölkerung kam. Was man bis dahin als Geißeln von fernen, exotischen Ländern wähnte, war plötzlich ein heimisches Problem. Die Welt war ein erstes großen Dorf durch diese Globalisierung geworden, wenn auch nicht im heutigen atemberaubenden Tempo, bei dem binnen 24 Stunden alles vom Erreger bis zum Wirtschaftsgut aus dem letzten Winkel der Erde an die heimische Bevölkerung gelangen kann.

Zur Zeit der damaligen Globalisierung gelangen im Zeitraum von 1871 bis 1914 neben der technischen Revolution auch bahnbrechende medizinische Glanzleistungen - die Entdeckung der Welt der Mikroben - durch die aus heutiger Sicht gesehenen Heroen Louis Pasteur und Robert Koch. Aber auch diesen beiden Ausnahmewissenschaftlern flogen Anerkennung und somit die Forschungsmittel nicht einfach zu - sie hatten ebenfalls sehr gegen den Zeitgeist und verschiedene Neider zu kämpfen. Robert Koch erwarb sich mit der Entdeckung des Milzbranderregers (1876) und dem Erreger der Tuberkulose (1882) Weltruhm, aber sein eigentlicher Verdienst ist es, dass er eine bis heute geltende Untersuchungsmethode und deren Verifizierungstrategie - die 4 Koch-Henléschen Gebote - etablierte, eine Vielzahl von hervorragenden Schülern damit "infizierte" und somit ein Grundgerüst für ein Zeitalter von bahnbrechenden Entdeckungen schuf. So wurde das um Koch und seine Schüler geschaffene Berliner Forschungsinstitut Anziehungspunkt für Forscher aus damals noch recht fernen Ländern, wie etwa Kitasato aus Japan oder Cary aus dem wilden Süden (Alabama) der USA.

Neben der Institutionalisierung und Standardisierung der Forschung erkannte Robert Koch sehr bald, dass die wahren Möglichkeiten zur Entdeckung neuer Erreger nahezu ausschließlich vor Ort lagen, also in jenen Ländern, in denen diese Erreger die Bevölkerung massiv befielen und von wo aus sie dann - mehr oder minder zufällig - in das scheinbar sichere Europa "schwappten".
Folgerichtig ruhte er sich also nicht auf seinen Lorbeeren im gemütlichen Berlin aus, sondern war mit seinen Mitarbeitern, deren Namen sich heute wie das "Who is who" der Mikrobiologie lesen, ständig auf Expeditionen in Afrika, Asien und Ozeanien. Diese Expeditionen, die alles andere als bequem, sondern eher absolut lebensgefährlich abliefen und auch zahlreiche Todesopfer forderten, brachten dann neben weiteren Entdeckungen zur Bakteriologie (wie den Erreger der Cholera auf der Aegypten-Indienexpedition im Jahre 1883) bemerkenswerte und richtungsweisende Ergebnisse zu viralen Erkrankungen (wie z.B. der sog. Rinder- und Pferdepest) oder zu seuchenhaften parasitären Infektionen wie der Malaria, der Schlafkrankheit, des Ostküstenfiebers und vieles mehr. Die bleibende Leistung dieser Koch'schen Expeditionen besteht nach wie vor darin, dass sich alle Teilnehmer dem ganzheitlichen Ansatz unterwarfen und neben der Grundlagenforschung auch - stets Maßnahmen zur Bekämpfung - sei es über Impf- oder Chemotherapieverfahren - entwickelt wurden. Zudem stand die Suche nach dem jeweiligen Übertragungsmodus im Vordergrund, was dann nach dessen Entdeckung leichter zu Prophylaxemaßnahmen verhalf.

Der Vortrag zeichnet eine Reihe dieser bahnbrechenden Entdeckungen nach und verknüpft damaliges und heutiges Wissen zu den jeweiligen Erkrankungen, Therapie- und Prophylaxemaßnahmen und illustriert dies durch viele Aufnahmen von diesen Expeditionen mit aktuellsten Darstellungen heutiger Probleme. Die damalige Sichtweise der Dinge und ihre heutige Bedeutung wurde aus damaligen, oft unbeachteten Tagebuchaufzeichnungen gewonnen und im Lichte heutiger Technik nachgezeichnet. Dabei zeigen sich frappierende Ähnlichkeiten mit der heutigen Globalisierung und den damit verbundenen Seuchenzügen (z.B. SARS, Hühnergrippe etc.).

Wer außer dem Inhalt des Vortrags noch mehr von diesen wahrscheinlich die medizinischen Erkenntniswelt revolutionierenden Expeditionen wissen möchte, dem sei das aktuell zum 100. Jahrestag der Verleihung des medizinischen Nobelpreis für Robert Koch im Jahre 1905 erschienene Buch empfohlen. Diese Buch von Johannes Grüntzig und Heinz Mehlhorn zeichnet die wichtigsten Entdeckungsreisen nach und heißt daher folgerichtig "Expeditionen ins Reich der Seuchen" und im Untertitel "Medizinische Himmelfahrtskommandos in der Kaiser- und Kolonialzeit" . Es ist erschienen bei Elsevier/Spektrum, Heidelberg (ISBN 3-8274-1622-1), war schnell vergriffen und liegt jetzt aber als ergänzter Nachdruck wieder vor.

Achtung: Einige Exemplare können im Anschluss an den Vortrag (in der Kaffeepause) zu einem verbilligten Sonderpreis erworben oder auch bestellt werden.