Viszerale und cutane Leishmaniasis in Nordafrika und in der Sahelzone
Dr. med. Gerhard Boecken,
Schifffahrtsmedizinisches Institut der Marine, Kronshagen
 
Die Leishmaniasis kommt mit der Ausnahme von Australien weltweit in 88 tropischen und subtropischen Ländern vor. 350 Millionen Menschen leben in den Endemiegebieten. Neben der Malaria gehört die Leishmaniasis weltweit mit jährlich über 2 Millionen Neuinfektionen zu den wichtigsten humanpathogenen Parasitosen.

Die Leishmaniasis wird durch Protozoen der Gattung Leishmania verursacht. Die Erkrankung ist vektorgebunden und wird von 30 Arten von Schmetterlingsmücken (Phlebotomus spp.) übertragen. Insgesamt sind 20 verschiedene Leishmania-Arten humanpathogen, die drei verschiedene Krankheitsbilder (cutane (CL), mukocutane (MCL) und viszerale (VL) Verlaufsform oder auch Kala Azar) hervorrufen.

Erregerreservoir und Zwischenwirt sind in der alten Welt kleine Nagetiere und Sandmäuse, in der neuen Welt sind es Waldnager, insbesondere Ratten, Faul- und Gürteltiere. Bei der VL ist als Reservoir häufig auch der Hund betroffen. Die Erreger werden von den Sandmücken aufgenommen, entwickeln sich dort in 5-26 Tagen zu der infektiösen Form, um dann bei der Blutmahlzeit auf den Menschen übertragen zu werden (Zoonose). Entsprechend der Erregerspezies und der Immunkompetenz des Wirtes kommt es nach einer Inkubationszeit von 10 Tagen bis 2 Jahren (durchschnittlich 3-4 Wochen bei der CL, Wochen bis Monate bei der VL) zur Ausbildung der entsprechenden Krankheitssymptome an der Haut oder den inneren Organen. Bei einigen Leishmania- Spezies (z.B. L. tropica, L. donovani) ist der Mensch nicht nur als Wirt betroffen, sondern auch Reservoir der Erreger geworden (Anthroponose). Da diesem anthroponotischen Zyklus der tierische Zwischenwirt fehlt, kann er bedeutend schneller ablaufen und zu dramatischen Ausbrüchen insbesondere in Großstädten und Kriegsgebieten in den Endemiegebieten führen, wie dies in den letzten Jahren besonders in Kabul (für CL) und im Sudan (für VL) zu beobachten war.

Mehr als 90% der weltweiten 500.000 jährlichen Fälle an VL treten in 5 Ländern auf: Indien, Bangladesch, Nepal, Sudan und Brasilien. Die langdauernde Kala-Azar-Epidemie im Sudan hat in den Jahren 1986-95 mehr als 100.000 Menschenleben gefordert und ganze Landstriche entvölkert. 90% der weltweit 1.5 Millionen Fälle an CL treten in 7 Ländern auf: Afghanistan, Algerien, Brasilien, Iran, Peru, Saudi Arabien und Syrien. Alleine im Großraum Kabul liegt die jährliche Anzahl der Neuerkrankungen an CL konstant bei über 100.000 Erkrankungsfällen.

Die Leishmaniasis stellt auch bei privaten und beruflichen Aufenthalten ein begrenztes Infektionsrisiko in den Endemiegebieten in Nordafrika und in der Sahelzone dar. Die Diagnostik der Erkrankung erfolgt entsprechend der Verlaufsform durch direkten Erregernachweis aus Wund-, Milz-, Leber- oder Knochenmarkspirat und durch kulturelle und molekularbiologische Methoden. Immunologische Verfahren haben weniger Bedeutung. Die Therapie erfolgt bei der CL speziesspezifisch und entsprechend dem Ausmaß und der Anzahl der Läsionen lokal oder systemisch, bei der VL systemisch. Es stehen 5-wertigen Antimonpräparaten, Pentamidine, liposomales Amphothericin B, Miltefosine, topische oder systemische Azolen, Paromomycin oder Thermotherapie bzw. Kombinationen der Präparate zur Verfügung. Aktuelle Therapieleitlinien werden hierzu vorgestellt.

Aufgrund der z.T. komplizierten und schweren Verläufe und der nicht einfachen Behandlung haben Präventionsmaßnahmen einen großen Stellenwert. Eine Prävention der Leishmaniasis ist durch den Schutz vor der Übertragung (Verhaltenssteuerung, Barrieremaßnahmen), durch Reduktion der Überträger (Brutplatzvernichtung, Insektizide) und Vernichtung oder Sanierung der Reservoire (Nagerreduktion, Behandlung der Bevölkerung) möglich. Eine Chemoprophylaxe wie bei der Malariainfektion gibt es nicht, eine Impfung ist derzeit und absehbar nicht verfügbar.