Berufliche und private Langzeitaufenthalte in Asien: Die häufigsten Probleme und Möglichkeiten der Vorsorge
Dr. med. Gunther von Laer, Auswärtiges Amt (Gesundheitsdienst), Berlin
 
Als "Langzeitaufenthalte" gelten Zeiten von über 3 Monaten, die man fern der Heimat in fremder Umgebung unter neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen und mit zunächst klaren Zeitvorgaben absolviert. Nicht der Aufenthalt ist riskant, sondern das Verhalten, wenn es überhaupt besondere Risiken gibt: Wer sich in Asien unterwegs so verhält wie in Deutschland (Kleidung, Klima, Infektionen, Verkehr), der macht sicher Fehler und er geht vermeidbare Risiken ein. Im Gegensatz zum Kurzzeittouristen hat der Langzeitaufenthalter ("Expat") die Chance und die Pflicht, sich vernünftig anzupassen: an die Höhe, an die fremde Kultur, sowie an Linksverkehr oder fremde religiöse oder kulturelle Rahmenbedingungen etc.. Anpassung ist eine anstrengende aktive Leistung, die vernünftig angegangen und gesteuert werden kann im somatischen wie im psychischen Bereich. Personen, die derartige Anpassungsleistungen nicht aktiv erbringen wollen oder können, sind für einen Langzeitaufenthalt nicht tauglich ("G35 der Berufsgenossenschaften").

Für Asien gilt, gerade bei Langzeitaufenthalt die zum Teil recht gute Infrastruktur (Medizin, auch anderes) nicht sträflich zu überschätzen: glänzende Privatkliniken mit durchgestylten Internetauftritt oder modernistischem Mobiliar sind häufig das Gegenteil von empfehlenswert. Und die so gute und billige Zahn- oder sonstige Transplantation auf dem Hintergrund von Hightech und smartem Personal kann einem Patienten nicht ganz so selten eine HIV-Infektion oder andere Komplikationen bescheren, weil es dem Medizinsystem am Ort dann doch ggf. qualitativ an Tiefe mangelt. Zusätzlich ist zu Asien zu sagen: gerade hier landen viele Rucksackreisende ohne jede Vorerfahrung und überstimuliert hinsichtlich Abenteuerlust und Fremdenliebe im Großraum Ost- und Südostasien. Sie vertrauen zu Recht auf die Gastfreundschaft und die billigen lokalen Möglichkeiten, haben Risikowahrnehmung und medizinische Vorbereitung ganz beiseite geschoben und überschätzen sich - und unterschätzen die Fremde. Darüber hinaus scheint für psychisch eher labile oder für Borderline-Persönlichkeiten gerade die ostasiatische Kulturszene besonders attraktiv weil hoffnungsträchtig: es locken körperliche, geistliche und seelische Ertüchtigungen alternativer Wege zum Glück, und ein vermeintlich leichter Zugang zu den Gastgebern und ihrer Kultur. Frustrationen hieraus ergeben sich dann gerade im Langzeitaufenthalt: das Glück wird nicht gefunden, der Durchfall und das Erbrechen sind eine schlechte Beigabe, offensive religiöse Strategien werden als Belästigung empfunden und bei der großen Entfernung nach Hause bleibt nur das entgültige Scheitern oder der Rückzug in das Schneckenhaus der eigenen Vorstellungen, Werte und Wünsche bei tiefer Unzufriedenheit. Und dabei sind dann - im Rahmen des Arbeitsaufenthaltes natürlich besonders wichtig - Leistungsfähigkeit und Motivation schnell eingeschränkt. So muß man Arbeitsaufenthalte in Asien ebenso wie Langzeitaufenthalte privater Natur dort auf die vorhandene Hochkultur einstellen, sie annehmen, instrumentalisieren und genießen. Wenn dies alles gar nicht geht, wenn prohibitive psychische Probleme und fehlende Anpassung dazukommen, dann ist ein Scheitern vorgezeichnet. Das zu vermeiden liegt mit am Können und liegt wesentlich in der Hand des Reisemediziners.

Der Vortrag soll Einblicke in Probleme bei Langzeitaufenthalten in Asien geben und anhand von einzelnen Beispielen augenfällig machen, woran es liegt, wenn gelegentlich gerade Langzeitaufenthalte aus medizinischem Grund abgebrochen, verkürzt oder gar nicht erst angetreten werden.