Höhentrekking in Bhutan- Risikoeinschätzung bei vorbestehender Erkrankungen
Dr. med. Wolfgang Schaffert, BExMed e.V., Siegsdorf
 
Das Himalaya Königreich Bhutan hat bewusst auf Massentourismus mit all seinen Belastungen für Natur und Kultur verzichtet. Die Besucherzahl ist auf jährlich etwa 10.000 Touristen beschränkt. Das Ministerium für Tourismus erlaubt nur organisierte Unternehmungen. Individual- oder Rucksacktourismus ist nicht möglich. Neben Kulturreisen werden ausschließlich Zelttrekkings mit Begleitküchenmannschaft und Führung abseits jeglicher Infrastruktur durchgeführt. Die gesamte Ausrüstung muss mit Tragtieren mitgeführt werden. Die meisten Trekkingrouten sind in Höhenlagen oberhalb 4000m Schlafhöhe und Passübergängen bis 5300m. Es gibt unterwegs keine medizinische Versorgung, und nur in Ausnahmefällen eine Helikopterabtransportmöglichkeit durch die indische Armee.

Die Beratung und Risikoeinschätzung bei bestehenden Vorerkrankungen stellt daher eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe dar. Viele beratende Ärzte sind vor allem erheblich verunsichert über die Auswirkungen der höhenbedingten hypobaren Hypoxie auf kardiale Risikofaktoren oder auf vorbestehende kardiale und pulmonale Erkrankungen.

Es wird dargestellt, dass bisher gesunde und leistungsfähige Bergsteiger durch ein Höhentrekking kein zusätzliches Risiko eingehen. Voraussetzung ist eine entsprechend gute Ausdauerleistungsfähigkeit. Patienten mit gesicherter kardiovaskulärer Erkrankung ohne wesentliche myocardiale Schädigung können bei entsprechender Risikobereitschaft nach erfolgreicher Revaskularisierung durch PTCA-STENT oder By-Pass Op in die Höhe. Ein gut eingestellter Hypertonus stellt bei entsprechender Selbstkontrolle und möglicher Dosisanpassung bei Hypertonikern ohne Organschäden kein Risiko dar. Bei pulmonalen Vorerkrankungen ohne und mit pulmonaler Hypertonie besteht grundsätzlich ein erhöhtes Risiko auf das Auftreten eines akuten cor pulmonale und einer schweren Hypoxämie. Hier muss eine Voruntersuchung mit Blutgasanalyse in Ruhe und Belastung Aufschluss über Kontraindikationen geben.

Patienten mit reversiblem Asthma bronchiale können unter medikamentöser Absicherung in große Höhen gehen. Patienten mit vorbekanntem Schlafapnoesyndrom haben ein erhöhtes Risiko für gestörte Höhenanpassung und Höhenkrankheit. Medikamentöse Prophylaxen mit Azetazolamid und Theophyllin können versucht werden, sind aber nicht ausreichend untersucht. Sie müssen besonders vorsichtig die Schlafhöhe höher legen.

Thrombembolische Ereignisse treten bei Risikopatienten in der Höhe besonders häufig auf. Konsequente Prophylaxe ist unverzichtbar. Bei der Vorgeschichte thrombembolischer Ereignisse in den letzten 6 Monaten und bei Protein C/S Resistenz darf ohne Antikoagulation nicht in große Höhen aufgestiegen werden. Migränepatienten müssen sich besonders vorsichtig auf die große Höhe akklimatisieren, da die Symptome der Migräne nur schwer von denen der akuten Bergkrankheit zu differenzieren sind. Jedenfalls tritt bei Migränepatienten keine Sauerstoffentsättigung auf.

Patienten mit Anfallsleiden müssen auch bei langjähriger Anfallsfreiheit grundsätzlich mit dem Wiederauftreten rechnen. Der Diabetiker ist in der Höhe durch Hypoglycämie und Ketoazidose gefährdet. Er muss Selbstkontrolle und Dosisanpassung während Belastung und Regeneration beherrschen. Das Risiko einer Stoffwechselentgleisung ist bei fehlender Kontrolle deutlich erhöht. Patienten mit Schilddrüsenresektion und Nebenniereninsuffizienz müssen ihre Substitutionsdosis erhöhen. Patienten mit chronischer Anämie sollten nur mit Hb Werten über 10g/dl in große Höhen. Bei schwerer Polyglobulie mit HK Werten > 50% sollte eine Hämodilution erfolgen. Die Sichelzellanämie mit Krisen stellt eine Kontraindikation für Aufenthalt oberhalb 2500m dar. Bisher asymptomatische Patienten können in Höhen über 4000m eine Sichelzellkrise mit Mikroembolien entwickeln.

Latente Infektionsherde stellen ein großes Risiko in großer Höhe dar und sollten vorher saniert werden. Dies gilt insbesondere für Zahnwurzelgranulome, NNH Infekte, Bronchitis und Divertikulitis. Chronische Darmerkrankungen wie M.Crohn und Colitis sollten sehr gut eingestellt, ein Ulcusleiden ausgeheilt sein. Genussmittel wie Nikotin und Alkohol sollten vermieden und Kaffee nur in mäßiger Dosis bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr konsumiert werden. Das Leben in mehrwöchiger einsamer Hochgebirgswildnis in enger sozialer Schicksalsgemeinschaft und steter Bedrohung durch die schwer abwägbaren Witterungs- und Versorgungsbedingungen ist nicht für emotional labile Persönlichkeiten geeignet. Das starke Gefühl, es geschafft zu haben, entschädigt über Gebühr für die latente Bedrohung und gibt Kraft für den Alltag in unserer vermeintlich Risikoarmen Wohlstandsgesellschaft.