Reisemedizin erleben - Exkursion des Deutschen Fachverbandes Reisemedizin nach Indien
Dr. med. Ulrich Klinsing, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin mit Niederlassung in Frankfurt, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Fachverbandes Reisemedizin
 
Jeder in der reisemedizinischen Beratung tätige Arzt wird bestätigen, dass Engagement und Qualität der Beratung zunehmen, wenn auf eigene Reiseerfahrungen zurückgegriffen werden kann. Erst, wer durch eigenes Erleben die Praxis des Reisens erfahren hat, wird die besonderen Belastungen beurteilen können, denen die Reisenden in ihren Unternehmungen ausgesetzt sein werden. Eigenes Erleben fließt in die Reiseberatung ein und vermittelt dem, der die Reise noch plant und vorbereitet, ein großes Maß an Kompetenz und schafft damit auch das notwendige Vertrauen. Durch Reisen erworbene praktische Kenntnisse sind für eine authentische reisemedizinische Betreuung nahezu unerlässlich.

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte der Deutsche Fachverband Reisemedizin ein Konzept für außergewöhnliche reisemedizinische Exkursionen. Besonderheit dabei ist die integrierte Vermittlung von Reise- und reisemedizinischer Kompetenz, abgestellt auf unterschiedlichste Reisearten und touristische Unternehmungen. Dabei unterscheiden sich reisemedizinische Exkursionen wesentlich von tropenmedizinisch oder berufsgenossenschaftlich (G 35) ausgerichteten Reisen.

Ziele der Exkursionen sollen Länder mit besonderer klimatischer oder gesundheitlicher Belastung in unterschiedlichen geographischen Lagen sein, die touristisch und reisemedizinisch möglichst vielfältige Besonderheiten bieten. Wir haben als konzeptionell besonders geeignet Ecuador und besonders Indien als Zielländer gewählt. Indien zählt zu den klassischen häufig kulturell begründeten Reisezielen mit hohem gesundheitlichen Gefährdungsgrad. Ecuador bietet auf engem Raum mehrere unterschiedliche Geo-Regionen und Klimazonen mit entsprechenden reisemedizinischen Problemfeldern.

Im Reiseland lernen die Teilnehmer alle Ebenen der lokalen medizinischen Infrastruktur mit den Unterstützungsmöglichkeiten für in Not geratene Reisende kennen. Das reicht von Kontakten zu für Touristen empfohlenen privaten Kliniken und Praxen, über Spezialkrankenhäuser wie psychiatrische oder neurologische Einrichtungen, Gesprächen mit Hotelärzten, für die Versorgung zuständige Apotheken bis hin zu Rettungsflugsystemen, telemetrischen Einrichtungen und der Beurteilung von Unterstützungsmöglichkeiten durch die deutsche diplomatische Vertretung. Auch die staatliche Gesundheitsversorgung mit ihren für Touristen doch erheblichen Risiken wird in das Programm mit einbezogen.

Das Sammeln eigener Reiseerfahrung bezieht sich auf das Kennenlernen von unterschiedlichsten Reisearten, von Luxustourismus einerseits bis hin zum Rucksack- und Abenteuerreisenden andererseits. Gemeint ist hier beispielsweise das Ausprobieren verschiedener Verkehrsmittel, das Kennenlernen unterschiedlicher Unterkunftsniveaus oder auch das kontrollierte Ausprobieren von fremdländischen Nahrungsmitteln und Zubereitungen. Medizinische Aspekte der Reiseorganisation und des Reiseablaufes werden kontinuierlich aus reisemedizinischem Blickwinkel beleuchtet. Diese touristische Selbsterfahrung ermöglicht den Teilnehmern das Kennenlernen ihnen sonst oft verschlossen bleibender Facetten des Reiseabenteuers.

Ein wesentliches Programmelement ist das Erleben der Reisegruppe selbst aus medizinischer Sicht. Hierbei geht es um die Umsetzungsmöglichkeiten prophylaktischer Vorgaben in der Reiserealität, wie wir sie ja unseren Patienten als Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben. Auch eigene Vorsorgemaßnahmen werden in Abwägung der unterwegs erfahrenen Risiken und offizieller Empfehlungen reisemedizinischer Expertengremien hinterfragt. Der Umgang mit gesundheitlichen Problemen innerhalb einer Reisegruppe und die reisemedizinische Betreuung einer Gruppenreise werden in der Praxis durchgespielt. In Seminarform werden die Problemfelder unterwegs auch theoretisch aufgearbeitet.

Die Exkursionen sind von der Ärztekammer Hessen zertifiziert und werden für inhaltlich entsprechende Lehrabschnitte des Fachzertifikates Reisemedizin des Deutschen Fachverbandes Reisemedizin anerkannt. Sie werden organisiert und durchgeführt in Zusammenarbeit mit namhaften Reiseveranstaltern (Studiosus/Windrose), wobei die organisatorisch-touristische Verantwortung bei den Reiseveranstaltern liegt und die medizinische Programmgestaltung vom Deutschen Fachverband Reisemedizin verantwortet wird. Die Reise wird obligat von einem ärztlichen Reiseexperten begleitet, ein mit dem Zielland bestens vertrauter Reiseleiter des Veranstalters ist für alle touristischen Belange vor Ort zuständig. Die Resonanz der Teilnehmer unserer Indienexkursionen im Oktober 2003 und November 2004 war überaus positiv. Die oben angeführten recht hochgesteckten Ziele konnten in vollem Umfang erreicht werden. Dennoch muss natürlich bei einer solchen Exkursion immer mit reisetechnischen und inhaltlichen Unwägbarkeiten gerechnet werden, die eine Anpassung des Programms an die Reiserealität erforderlich machen. Die Teilnahme setzt Flexibilität und Mut zum Engagement in einer Ärztegruppe voraus. Der Lohn für den nicht unerheblichen Einsatz ist dann aber auch, so die Beurteilung der Teilnehmer, ein sehr hoch einzuschätzender Zuwachs an reisemedizinischer Erfahrung.