Auslandsreisen bei fortgeschrittener Krebserkrankung
Dr. med. Alexander Schmittel, Charité Campus Benjamin Franklin, Medizinische Klinik III (Hämatologie, Onkologie und Transfusionsmedizin)
 
Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung befinden sich häufig in einer palliativen Therapiesituation, so dass die Lebensverlängerung, die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der Lebensqualität wesentliche Therapieziele sind. Zur Verbesserung der Lebensqualität kann auch eine Auslandreise beitragen. Die behandelnden Ärzte sind in dieser Situation zu einer kompetenten und umfassenden Beratung aufgefordert. Vor jeder ärztlichen Beratung muss geklärt werden, in welcher Therapiesituation sich der Patient befindet.

Liegt eine fortgeschrittenen Krebserkrankungen vor, die in kurativer (heilender) Intention behandelt werden kann (wie z.B. ein fortgeschrittener Hodentumor), so ist die onkologische Therapie vorrangig durchzuführen. Nur in der palliativen Therapiesituation sollten mögliche Therapien an Reisepläne des Patienten angepasst werden. Dies sollte von erfahren Onkologen vorgenommen werden. Es empfiehlt sich, dem Patienten einen Arztbrief in englischer Sprache mit den wichtigsten Informationen zum Erkrankungsstadium und zur bisherigen Therapie mit auf die Reise zu geben und ihn möglichst mit Adressen von onkologischen Zentren im Reiseland auszustatten.

Bei der Beratung sollten folgende Aspekte berücksichtigt werden:
  1. Hirnmetastasen: Metastasen des zentralen Nervensystems treten bei ca. 25% aller Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung auf. Typisch ist das Auftreten von Hirnmetastasen bei Bronchialkarzinomen, Mammakarzinomen, beim Melanom und beim Nierenzellkarzinom. Während einer Flugreise können asymptomatische Hirnmetastasen symptomatisch werden, insbesondere sind spontane Blutungen während längerer Flugreisen berichtet worden. Patienten mit nachgewiesenen Hirnmetastasen oder primären Hirntumoren sollten daher von einer Flugreise abgeraten werden.
  2. Knochenmetastasen: Knochenmetastasen treten besonders häufig beim Mammakarzinom, beim Prostatakarzinom und bei Bronchialkarzinomen auf und betreffen oft die Wirbelsäule. Das multiple Myelom (Plasmozytom) führt ebenfalls regelhaft zu Osteolysen und meist auch zu einer generalisieren Osteoporose. Patienten mit Knochenmetastasen oder einem multiplen Myelom sollten über das Risiko pathologischer Frakturen aufgeklärt sein und grundsätzlich keine schweren Lasten tragen. Auf Auslandsreisen sollte der Transport von Gepäck ausschließlich durch Begleitpersonen übernommen werden.
  3. Anämie: Viele Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung weisen eine Anämie auf, deren Genese die Tumorerkrankung selbst (Tumoranämie), eine Chemotherapie (Bildungsstörung) oder auch eine Niereninsuffizenz (renale Anämie) sein kann. Vor einer Auslandsreise empfiehlt es sich, die Anämie so zu behandeln, dass der Hb-Wert > 10 g/dl liegt, um mögliche Anämiesymptome zu vermeiden. Hierzu kann eine Transfusion von Erythrozyten sinnvoll sein, seltener kommt der Einsatz von Erythropoetin in Betracht. Bei längeren Reisen oder ausgeprägter Anämie sollte die Möglichkeit von Blutbildkontrollen und ggf. Erythrozytengaben im Ausland erwogen werden.
  4. Thrombozytopenie: Thrombozytopenien sind meist durch eine Knochenmarkinsuffizenz nach Chemotherapie oder Bestrahlung bedingt oder Ausdruck einer Knochenmarkkarzinose. Thrombozyten-Werte < 20/nl müssen wegen der hohen Spontanblutungsgefahr substituiert werden. Auslandsreisen sollten nur unternommen werden, wenn die Thrombozytenzahlen stabil > 50/nl sind. Unter Umständen sollten auch im Ausland Blutbildkontrollen erfolgen, um ein Absinken der Thrombozyten rechtzeitig zu erkennen und eventuell eine Substitution vorzunehmen.
  5. Abwehrschwäche durch Neutropenie: Neutropenien sind typische Folgen einer chemotherapeutischen Behandlung. Das Infektionsrisiko steigt bei Neutrophilen < 1/nl stark an. Eine Infektionsprophylaxe mit Chinolonen ist insbesondere bei länger andauernder Neutropenie ratsam. Durch den Einsatz hämatopoetischer Wachstumsfaktoren, wie G-CSF, kann die Neutropeniedauer verkürzt werden. Vor einer Auslandsreise sollte die Regeneration der neutrophilen Granulozyten abgewartet werden und die Reise erst angetreten werden, wenn die Neutrophilenzahl sicher > 1/nl ist. Insbesondere sollten bei Neutropenien Reisen in Länder mit niedrigem Hygienestandard vermieden werden.
  6. Abwehrschwäche durch Antikörpermangel: Sekundäre Antikörpermangel-Syndrome treten insbesondere bei Patienten mit B-Zell Neoplasien, wie der chronisch lymphatische Leukämie (CLL) oder den Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL) oder dem multiplen Myelom (Plasmozytom) auf. Patienten mit Antikörpermangelsyndromen weisen eine erhöhte Infektanfälligkeit für virale und bakterielle Infekte auf, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Je nach klinischer Ausprägung der Infektanfälligkeit besteht die Indikation zur intravenösen Immunglobulinsubstitution. Patienten, die trotz Antikörpermangels weitgehend infektfrei sind, können Auslandreisen unternehmen. Länder mit niedrigem Hygienstandard sind strikt zu meiden. Ggf. sollte vor Reiseantritt eine Immunglobulinsubstitution erfolgen und ein Antibiotikum zur Selbstmedikation verordnet werden. Patienten mit rezidivierenden Infekten trotz Immunglobulinsubstitution sollten keine Auslandsreisen unternehmen.
  7. Abwehrschwäche durch Lymphozytenfunktionsstörung: Chemotherapeutsche Behandlungen mit den Nucleosidanaloga Fludarabin und Cladribin sowie moderne Antikörpertherapien mit Alemtuzumab, die insbesondere bei der CLL und bei B-NHL durchgeführt werden, führen zu einer Lymphozytendepletion bzw. -funktionsstörung. Hierdurch steigt das Risiko für opportunistische Infektionen. Diese Patienten sollten eine Cotrimoxazol-Prophylaxe und ggf. eine Aciclovir-Prophylaxe durchführen. In Abwesenheit einer Infektanfälligkeit, können Auslandsreisen unternommen werden, wenn die genannte Therapie > 6 Monate zurückliegt. Reisen in Länder mit niedrigem Hygienestandard müssen vermieden werden.