Probleme älterer Menschen mit der Zeitverschiebung bei Fernreisen
Börn Lemmer, Institut für Pharmakologie & Toxikologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
 
Während Christoph Columbus mit seiner "Santa Maria" langsam über den Atlantik dümperte, gehört heute das schnelle Überschreiten mehrerer Zeitzonen zum touristischen Alltag. Im Gegensatz zu Columbus, der wegen der langsamen Überfahrt keine Symptome der Zeitzonenverschiebung entwickeln konnte, kann sich dies beim Flugtouristen rächen: Nach Flügen über mehrere Zeitzonen können Symptome des "Jet lag", d.h. Störungen der inneren Uhr, auftreten. Sie äußern sich in Befindlichkeitsstörungen, wie Schlafstörungen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitseinschränkungen, aber auch Körperfunktionen sind davon betroffen. Dies gilt für die Nierenfunktionen, die Körpertemperatur, die Konzentration von körpereigenen Hormonen (z.B. Cortisol, Melatonin), bis hin zur Beeinflussung des Herz-Kreislaufsystems (z.B. Blutdruck, Puls).

Die Rhythmik der inneren Uhr ist für das Verständnis der Jet lag Symptomatik von Bedeutung. Die innere Uhr des Menschen hat keine exakte 24-Stunden-Periodik, sondern weist eine Rhythmik von etwa 24 Stunden auf. Da sie ein biologisches Substrat im Gehirn ist, kann sie nach einem transmeridianenen Flug auch nicht sofort wie eine Armbanduhr auf die "neue" Zeit am Zielort umgestellt werden. Untersuchungen beim fliegenden Personal haben gezeigt, daß nach einer Zeitzonenverschiebung von 6 Stunden (Flug Frankfurt - New York) rhythmische Körperfunktionen, wie die in der Körpertemperatur, im Schlaf-Wach-Rhythmus, oder der Cortisolkonzentration 2 bis 18 Tage brauchen, um sich den neuen Zeitstrukturen anzupassen.
Es bestehen sehr große Unterschiede in der individuellen Geschwindigkeit der Readaptation der inneren Uhr an die "neuen" Zeitgeber am Zielort. Somit sind die Symptome des Jet lag Folge der zeitlich unterschiedlichen Geschwindigkeit der Anpassung verschiedener körpereigener Rhythmen. Mehrere Untersuchungen zeigen, daß ältere Menschen stärker unter Jet lag leiden als jüngere. Jet lag führt zu einer "internen Desynchronisation" von Körperrhythmen, solange diese Rhythmen nicht wieder mit den Umweltsignalen und untereinander synchronisiert sind.

Kann man den Jet lag vermeiden? Aufgrund des oben Gesagten wird deutlich, daß Jet lag nicht vermeidbar ist. Es gibt keine Methode, kein Verfahren, keine Pille, die das Auftreten von Jet lag verhindern oder dessen Symptome beseitigen könnte!
Was kann man tun?
  • Die Einnahme von Melatonin - ein körpereigenes Hormon, das als Zeitgeber der Schlafphase fungiert - kann die Jet lag Symptomatik vermindern und die Anpassungszeit am Zielort verkürzen.
  • Körperliche Aktivität am Zielort, auch wenn die eigene innere Uhr "Nacht" anzeigt, kann helfen, sich schneller an die neuen Umweltsignale anzupassen.
  • Exposition auf "helles Licht" am Zielort ist offensichtlich sehr geeignet, sich an die neuen Licht-Dunkel-Signale etwas schneller anzupassen. Licht ist mit der wichtigste Zeitgeber der inneren Uhr
Fazit: Jet lag ist Ausdruck einer Störung der Synchronisation der inneren Uhr(en) mit äußeren Zeitgebern. Auftreten von Jet lag ist individuell sehr unterschiedlich, ältere Menschen leiden stärker als jüngere, eine Gewöhnung gibt es de facto nicht. Fliegen wir über mehrere Zeitzonen, müssen wir mit dem Auftreten dieser Störung rechnen, wir können sie nicht vermeiden - oder wir dürfen nicht fliegen - , aber wir können uns auf sie vorbereiten und ihre Symptome abmildern.