Tauchsport: Können chronisch Kranke tauchen?
Dr. med. Ulrich van Laak
Schiffahrtmedizinisches Institut der Marine, Kronshagen
 
Hinweis: Zum Thema steht Literatur (Tauchtauglichkeit Manual) der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin e.V. zur Verfügung (www.gtuem.org).

Für die Tauchtauglichkeitsuntersuchung von Sporttauchern gilt allgemein, dass Gesundheitsstörungen jeder Art, sofern sie tauchmedizinisch bedenklich sind, eher den Anfänger disqualifizieren, wohingegen Ausnahmen für erfahrene oder sehr erfahrene Taucher in aller Regel durchaus möglich sind. Bei derartigen Entscheidungen ist aber die Expertise des Taucherarztes gefordert.

Bei der Beurteilung sind absolute und relative Kontraindikationen zu bedenken. Viele chronische Erkrankungen sind für die Beurteilung der Tauchtauglichkeit allerdings eher unerheblich. Der beurteilende Arzt muss sich mit dieser Materie sehr gut auskennen, am besten, er ist selber Taucher. Als Ergebnis der Tauchtauglichkeitsuntersuchung wird ein Zertifikat ausgestellt, das dem Sporttaucher entweder die allgemeine Tauglichkeit attestiert, oder, relativ häufig, Einschränkungen definiert, die der Taucher zu beachten hat. In der Minderzahl der Fälle sind die Gesundheitsstörungen so erheblich, dass ein Ergebnis "nicht tauglich" gefällt werden muss.

Die Tauchtauglichkeitsuntersuchung wird bei über 40Jährigen grundsätzlich jedes Jahr empfohlen (unter 40 Jahre sollte mindestens alle 3 Jahre eine Untersuchung erfolgen). Kürzere Intervalle und Ausweitungen des Untersuchungsspektrums sind nach Maßgabe des Taucherarztes erforderlich.

Aufgrund der großen Bandbreite des Tauchsports, vom "Schnorchler" bis zum "Tiefseetaucher", muss dem beurteilenden Taucherarzt im Detail bekannt sein, welchen Ausprägungsgrad das Sporttauchen der chronisch kranke Kandidat im Auge hat. Daran muss er seine Einschränkungsentscheidungen orientieren.

Tauchspezifische Gefahren beim Abtauchen betreffen vor allem den HNO-Bereich (z.B. Mittelohr, NNH) in Form eines Barotraumas. Während des Tauchgangs ist der Taucher in erster Linie durch die Auswirkung der Atemgase unter Druck gefährdet, wobei die häufigste und zugleich größte Gefahr der Blackout unter Wasser ist. In der Aufstiegsphase drohen die "typischen" Tauchunfälle: Dekompressionskrankheit und Überdehnung der Lungen. Beide Ereignisse können sehr schwerwiegende Notfallsituationen darstellen, erschwert dadurch, dass Tauchen oft in abgelegenen Gebieten erfolgt.

Bei der Beurteilung der Tauchtauglichkeit kommt es auch darauf an, das Risiko für typische Tauchunfälle maximal zu reduzieren. Hierzu ist eine genaue Kenntnis der tauchmedizinischen und tauchphysiologischen Abläufe erforderlich.

Bei rund einer Million aktiver Sporttaucher in Deutschland, mit der Mehrzahl der Tauchgänge in tropischen und subtropischen Gegenden, muss mit 250 schwersten Tauchunfällen im Jahr gerechnet werden, zuzüglich rund 75 tödliche Tauchunfälle. Die Dunkelziffer ist allerdings groß, weil keine Meldepflicht besteht. Als Todesursache steht in 75 % der Fälle Ertrinken im Vordergrund, an zweiter Stelle folgen dann aber schon Herz-Kreislauf- und pulmonale Ereignisse.

Aufgrund der Tatsache, dass Tauchen bis zum Beginn des Booms Mitte der 80er Jahre vielfach nur den Profis vorbehalten war, haben sich auch die Tauchtauglichkeitskriterien lange Zeit an den Vorschriften für die Berufstaucher orientiert. Die sicher auch nicht ungewollte Mystifizierung des Tauchens hat viel dazu beigetragen, dass die Tauglichkeitskriterien über Jahrzehnte zu streng gehandhabt worden sind. Parallel dazu ist das Tauchen technisch gesehen sehr viel einfacher und sicherer geworden, die Ausbildung in den Tauchschulen ist grundsätzlich auf gutem Niveau.

Hierdurch haben sich neue Chancen auch für chronisch kranke Tauchsportkandidaten ergeben.

Es ist heute viel leichter, als chronisch kranker oder behinderter Taucher mit ärztlichem Attest und unter ärztlicher Supervision ins Wasser zu gelangen!

Erste Versuche, auch "Versehrten" unter bestimmten Bedingungen den Tauchsport zu eröffnen, finden sich bereits 1987 bei Gerstenbrand et al. Die Autoren haben auch Vorschläge erarbeitet, das "Flaschentauchen" als Therapie bei verschiedenen neurologischen orthopädischen Gesundheitsstörungen, die damals an und für sich zur Untauglichkeit geführt hätten, anzuwenden.

Der Durchbruch für das Tauchen mit körperlichen Einschränkungen kam allerdings in den 90er Jahren durch die weltweite Verbreitung der Gedanken der Handicapped Scuba Association (HSA).

Mit zunehmender Erfahrung wurde klar, dass viele chronisch kranke und behinderte Menschen vom Tauchsport geradezu profitieren, im besonderen auch für ihre Grundkrankheit. Nirgendwo ist der Gewinn an Mobilität und Erfüllung größer als unter Wasser. Unbedingte Voraussetzung hierfür sind allerdings die Freiwilligkeit und das kompromisslose "sich wohl fühlen" unter Wasser. Wenn schon für körperlich gesunde Taucher unter Wasser kein Platz für Unsicherheit und Angst ist, gilt das für den eingeschränkt Tauglichen erst recht!

Inwieweit ein chronisch kranker Taucher ein Zertifikat für seinen Sport erhalten kann, hängt oft auch davon ab, wie das Zusammenspiel zwischen dem Taucher selbst, seinem Tauchpartner, seinem Tauchlehrer und dem beurteilenden Taucherarzt erfolgen kann. Der Taucherarzt darf mit seiner Unterschrift allerdings nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Je "unorthodoxer" seine Entscheidung im Einzelfall ausfällt, desto mehr muss er sich der kontinuierlichen Supervision stellen, ggf. auch bis zu dem Punkt, den Taucher auch unter Wasser hin und wieder selbst zu beurteilen.

Bei der Beurteilung der Tauchtauglichkeit mit chronischen Erkrankungen müssen folgende Bereiche durch den beurteilenden Taucherarzt besondere Beachtung erfahren:

  • Medikamente, die erforderlich und mit dem Tauchen nicht zu vereinbaren sind
  • Ausschlüsse, die das HNO-System betreffen
  • Besondere Gefährdung bei Lungenkrankheiten
  • Problemfall Asthma bronchiale
  • Absolute Kontraindikation bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Absolute Kontraindikation bei neurologischen Erkrankungen
  • Tauchen mit Diabetes mellitus
  • Tauchen mit Implantaten
  • Tauchen mit chronischen Behinderungen
  • Tauchen nach Operationen
  • Der Sonderfall Schwangerschaft
Hierzu wird dringend auf die einschlägige Literatur verwiesen (www.gtuem.org).

Auf die gestellte Frage, ob im Rahmen des Tauchsports auch chronisch Kranke tauchen können, gibt es als Antwort nur ein klares "Ja", denn beinahe jeder chronisch Kranke oder Behinderte kann tauchen, wobei es sehr darauf ankommt, unter welchen Bedingungen ihm Tauchen erlaubt werden kann und mit wie sein Begleiter qualifiziert sein muss.

Für den Taucherarzt ergibt sich bei der Beurteilung der Tauchtauglichkeit von chronisch Kranken und Behinderten ein breites Verantwortungsfeld. Er sollte deswegen unbedingt ein hohes Kompetenzniveau sicherstellen können.