Reisen mit chronischer Krankheit
Prof. Dr. Erich Kröger,
Düsseldorf Centrum für Reisemedizin
 
Reisen mit chronischer Krankheit gehört zu den zentralen Themen der Reisemedizin. Wo ist reisemedizinische Beratung mehr gefragt als bei denjenigen, die an einer Grundkrankheit leiden und die sich Sorgen machen, ob durch ihr Verhalten oder durch besondere Belastungen während der Reise Auswirkungen auf die Erkrankung zu befürchten sind ?

Während die Beratung gesunder Menschen zur Gesunderhaltung auf einer Reise im Sinne der Gesundheitsaufklärung außer von einem Arzt auch durch Apotheker, Krankenkassen oder Medien erfolgen kann und auch erfolgen sollte, ist die Gesundheitsberatung chronisch Kranker oder auch anderer gesundheitlicher Risikogruppen, wie Schwangere oder Kinder, dem Arzt vorbehalten. In erster Linie ist sie dem Allgemeinarzt oder Hausarzt vorbehalten, letztendlich aber auch jedem Facharzt, wenn es sich um reisemedizinische Fragestellungen handelt, die in seinen Fachbereich fallen, z.B. der Chirurg, wenn es darum geht, wann nach einer Operation eine Reise vertretbar ist, oder der Kardiologe, wenn es darum geht, ob bei cardialen Einschränkungen von einer Reise abzuraten ist oder die Reise befürwortet werden kann.

Es ist aber nicht nur der Gesundheitszustand, der für die Beurteilung von Bedeutung ist, ob aus ärztlicher Sicht von einer Reise abzuraten oder diese zu befürworten ist. Von Bedeutung sind auch die Reisebedingungen, das Reiseziel, die Reiseart, die Reisedauer und die Aktivitäten während der Reise. Welche Einflüsse bestehen während der Reise? Wie sind die Verhältnisse vor Ort am Reiseziel? Wie ist die klimatische Belastung? Wie sind die hygienischen Bedingungen vor Ort, die medizinische Versorgung? - um nur einige Stichworte hier zu nennen. Sind längere Ruhepausen während einer Reise vorgesehen oder hetzt der Reisende von Ort zu Ort, eventuell sogar mit der Überwindung erheblicher Zeitunterschiede, wie dies bei Geschäftsreisen häufiger der Fall ist? Schon die Art der Reise bestimmt ganz wesentlich die Beratungsinhalte. Bei einem Badeurlauber stehen andere Beratungsinhalte im Vordergrund als bei einer Abenteuerreise, bei Höhentrekking oder bei individuellen Tramp- und Rucksackreisen durch das Innere eines Landes.

Wir haben das Thema "Reisen mit chronischer Krankheit" ganz bewusst gewählt, um wie schon im letzten Jahr hier, anlässlich der ITB, für den Reisesektor ein Zeichen zu setzen. Die Reisemedizin beschäftigt sich nämlich durchaus nicht nur mit den Krankheiten und gesundheitlichen Risiken anderer Länder, um vor vermeintlichen Risiken bei Reisen in ferne und fremde Länder zu warnen. Das Gegenteil ist unser Anliegen: Wir wollen zeigen und deutlich machen, dass wir Reisen in ferne oder fremde Länder fördern und Reisende unterstützen. Wir möchten, dass Gesundheitsprobleme während oder nach einer Reise möglichst vermieden werden. Das gilt sowohl für den primär gesunden Reisenden, vor allem aber auch für die Reisenden, bei denen Vorerkrankungen bestehen und somit stets die latente Gefahr gegeben ist, dass sich die Erkrankung bei Umwelt- und Umfeldveränderungen unter Umständen verschlechtern kann. Wir, die wir alltäglich beratend im reisemedizinischen Bereich tätig sind, wissen, dass das positive Erlebnis einer gut vorbereiteten Reise kranke und deprimierte Menschen aufbauen und ihnen wieder Freude am Leben geben kann.

Leider liegen uns bis heute relativ wenige wissenschaftliche Erkenntnisse und Untersuchungen über die Einflüsse von Reisen auf das Krankheitsgeschehen oder die Gesundheitsentwicklung vor: Wie und ob sich Reisestress oder klimatischen Belastungen auswirken, ob Höhenaufenthalte oder sportliche Aktivitäten, wie das Sporttauchen, bei bestehender Krankheit ein Risiko darstellen?

Rein von der Beobachtung ist davon auszugehen, dass die Einflüsse bei stabilem Krankheitsgeschehen relativ gering sind - nur, genau wissen wir dies nicht. Aus Sorge, eine Reise in fremde und ferne Länder könnte, aus welchen Gründen auch im-mer, zu einer Verschlechterung des Krankheitsbildes führen, wird ärztlicherseits Reisewilligen dann oftmals eher von einer Reise abgeraten, als zugeraten. Ziel der ärztlichen Beratung sollte aber sein, den Reisewunsch zu ermöglichen und die Reise medizinisch so gut es geht abzusichern.

Ein Arzt der Risikogruppen reisemedizinisch berät, muss nicht nur etwas von der Medizin verstehen, sondern sollte selbst Reiseerfahrung haben, d.h. er sollte andere Länder und andere Kulturkreise aus eigener Anschauung und Erfahrung kennen, um eine gesundheitliche Risikobewertung einer Reise vornehmen zu können. Die Risikobewertung der Reise ist, neben dem Gesundheitszustand des Reisenden, entscheidend bei der Frage, ob aus ärztlicher Sicht die geplante Reise zu befürworten oder davon abzuraten ist.

Reisen ist heute ein Stück Lebensqualität an dem jeder gern teilhaben möchte, insbesondere auch die älteren Menschen, die nach einem einengenden Arbeitsleben am Lebensabend noch etwas von dem Planeten kennen lernen möchten, auf dem wir leben. - Ein legitimer Anspruch. Wir Ärzte sollten dies, wo immer es geht, unterstützen, zumal Reisen im Alter die beste Gesundheitsvorsorge ist und von drohender Vereinsamung und Tristesse im Alter ablenkt. Reisen kann die Lebensfreude erhalten, trotz mancher gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Wenn wir den Begriff Gesundheit so verstehen, wie die WHO ihn positiv formuliert hat, in dem sie sagt "Gesundheit ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, sondern der Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens", dann trägt das Reisen besonders für ältere Menschen zum körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden wesentlich bei. Reisen bedeutet in der Regel körperliche Bewegung, bietet geistige Anregung und fördert die Kommunikation mit anderen Menschen, d.h. schafft soziale Kontakte, die besonders im Alter für die Gesundheit von entscheidender Bedeutung sind. Vielfach weiß aber der behandelnde Arzt gar nicht, dass sein Patient in ferne Länder reist, denn zu Impfungen geht der Patient in das Gesundheitsamt oder zu einer Gelbfieberimpfstelle. Es sei denn, sein Arzt vermittelt erkennbar reisemedizinische Kompetenz. Allein die Tatsache, dass gerade einmal die Hälfte der Reisenden zur Reisevorsorgeberatung zum Hausarzt geht, macht deutlich, dass im hausärztlichen Bereich nach wie vor erhebliche Defizite bestehen, was reisemedizinisches Wissen und Erfahrung betrifft.

Die Reisemedizin ist noch ein sehr junges medizinisches Fachgebiet, das sich im Aufbau befindet und seine endgültige Ausprägung noch finden muss. Als interdisziplinäres Querschnittsfach tut sich die Reisemedizin zwangsläufig schwer, denn sie muss nicht nur ein sehr breites medizinisches Wissen abdecken, sondern kollidiert auch zwangsläufig mit anderen etablierten Fachgebieten, wobei die Abgrenzung der Reisemedizin zu anderen medizinischen Fachgebieten heute noch nicht klar definiert ist. Wir Reisemediziner arbeiten daran, brauchen aber die Mithilfe der Experten anderer Fachgebiete. Das setzt voraus, dass bei den Experten nicht nur ein Interesse an reisemedizinischen Fragestellungen innerhalb ihres Fachgebietes besteht, sondern auch reisemedizinisches Fachwissen und Reiseerfahrung im Kern bei den Experten der anderen Fachgebiete vorhanden sind.

Die bisherige ärztliche Fortbildung in der Reisemedizin, die von reisemedizinischen Tagesveranstaltungen, in Form der "Tage der Reisemedizin" bis hin zum Diplom- und Zertifikatkurs in "Reisemedizin", das auf einem 32-stündigen Curriculum und regelmäßigen Refresherseminaren basiert, versucht zum einen die Reisemedizin in die Breite der Ärzteschaft zu tragen, zum anderen aber auch die Reisemedizin als Spezialisierung voranzubringen. Immerhin haben bis heute bereits über 4000 Ärzte einen viertägigen Kurs in Reisemedizin mit abschließender Prüfung absolviert. Damit ist ein erster Grundstock in der Ärzteschaft für eine qualifizierte reisemedizinische Beratung auf breiter Basis sicherlich gelegt.

Ein theoretischer Kurs von 32 Stunden reicht allerdings allein nicht aus, um das gesamte Wissen und die praktische Erfahrung zu vermitteln, die eine qualifizierte reisemedizinische Beratung, insbesondere die von gesundheitlichen Risikopersonen erfordert. Der Deutsche Fachverband Reisemedizin e.V. fordert einen Kurs von wenigstens 120 Stunden, neben entsprechender Reiseerfahrung und Kenntnissen der Verhältnisse in Reiseländern und von Reisebedingungen.

Bei der anstehenden Novellierung der ärztlichen Weiterbildung ist nach letztem Stand der Dinge davon auszugehen, dass die Reisemedizin an die Tropenmedizin angebunden wird, d.h. statt der Bezeichnung "Tropenmedizin" eine Bezeichnung "Tropen- und Reisemedizin" eingeführt wird. Daneben soll es im Rahmen einer neu eingeführten "Curriculären Fortbildung" über den Deutschen Senat für ärztliche Fort-bildung bei der Bundesärztekammer, eine Qualifikation "Reisegesundheitsberatung" geben, die dann ebenfalls von Ärzten geführt werden darf.

Die Anbindung der Reisemedizin in der Weiterbildung an die Tropenmedizin macht zwangsläufig eine Anpassung der Weiterbildungsinhalte und auch der Weiterbildungszeiten der Tropenmedizin an die der Reisemedizin erforderlich. Wie diese Anpassung im Einzelnen aussehen wird, bleibt abzuwarten. Sollten die Anforderungen so eng wie bisher bei der Tropenmedizin ausfallen, und damit eine berufsbegleitende Weiterbildung wie in der Naturheilkunde oder in der Sportmedizin für die Reisemedizin verhindert werden, wird die Reisemedizin nur einem kleinen Kreis von Ärzten zugänglich sein. Auf Dauer wird dies Probleme aufwerfen, da die Reisemedizin in der Breite sicherlich nicht nur auf die "Reisegesundheitsberatung" zu beschränken sein wird, besonders dann, wenn hierfür ebenfalls substantielles reise- und tropenmedizinisches Wissen und Reise- und Ländererfahrung wie in der Reisemedizin gefordert wird. Bei über 40 Millionen Auslandsreisen pro Jahr in Deutschland, brauchen wir eine breit in der Ärzteschaft verankerte Reise- und sicherlich auch Tropenmedizin. Das kann nur über eine berufsbegleitende Weiterbildung erreicht werden. Bleibt die Hoffnung, dass dies die neue Weiterbildungsordnung auch bietet.