Reisen in den Weltraum - wie fit muss man sein?
Prof. Dr. med. Rupert Gerzer
Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR, Köln
 
Seit den Flügen des damals 77jährigen John Glenn und des ersten "Touristen" Dennis Tito in den Erdorbit ist für die Öffentlichkeit sichtbar geworden, dass Weltraumflüge nicht nur für hochtrainierte Astronauten möglich sind.

Tatsächlich stellt die beim Flug ins All von der Öffentlichkeit für so wichtig gehaltene Beschleunigungstoleranz heute kaum mehr ein Problem dar.

Das Bewußtsein aber, während des Starts in einer Rakete voller Treibstoff zu sitzen erfordert die psychische Stabilität, bei Rütteln und Schütteln der Raktete/des Shuttle nicht in Panik zu geraten.

Kaum in Schwerelosigkeit, erleben weit über die Hälfte der trainierten Raumfahrer Symptome der "Raumkrankheit", die zwar von den Ursachen her mit der Seekrankheit nicht identisch ist, von den Auswirkungen her leider aber (einschließlich Erbrechens) ziemlich ähnlich verläuft. Zum Glück sind diese Symptome üblicher Weise nach ein paar Tagen überwunden und der Raumfahrer kann nun das Erlebnis Schwerelosigkeit, die Fähigkeit zu schweben und einen Blick zurück zur Erde oder hinaus in den Weltraum voll genießen.

Er muss sich aber in Acht nehmen: Schnelle Bewegungen oder sich irgendwo schnell abstoßen kann zum schmerzhaften Aufprall an der gegenüberliegenden Seite führen. Deshalb gewöhnt sich der Astronaut schnell ein eher gemächliches Bewegungsmuster an.

Auch der Kreislauf, das Herz, die Muskeln und die Knochen werden nun kaum gefordert und beginnen zu dekonditionieren. Deshalb heißt heute die Hauptfrage in der Raumfahrtmedizin nicht mehr: Wie fit muss man sein, sondern: Wie kann man im Weltraum fit bleiben, damit die Rückkehr zur Erde nicht zum Problem wird. Diese Frage ist noch längst nicht geklärt; während sich Astronauten schnell an Schwerelosigkeit gewöhnen, ist die Rückgewöhnung an Schwerkraft - einschließlich erneut dabei auftretender Übelkeit - weiterhin schwierig. Wir Raumfahrtmediziner können noch immer nicht die verschiedenen Dekonditionierungen während Weltraumaufenthalten verhindern - und verstehen auch häufig deren Entstehungsmechanismen ungenügend.

Bei Langzeitmissionen kommen die Fragen dazu: Wie gefährlich ist die Strahlung und wie stabil ist die Psyche, um die lange Isolation in einer engen und technikgeprägten Umgebung mit wenig Privatsphäre gemeinsam mit nur wenigen Menschen zu ertragen.

Viel wichtiger als hohe körperliche Fitness ist die Gesundheit des Raumfahrers. Das Risiko, aufgrund eines gesundheitlichen Problems eines Astronauten eine Mission abbrechen zu müssen oder gar eine Raumstation verlassen zu müssen, muss aus Kostengründen möglichst gering sein - deshalb ist es auch heute noch ein "Killerargument", auch für jeden noch so gut trainierten Astronauten, wenn er ein Risiko trägt, während einer Mission zu erkranken und damit diese zu gefährden.

Körperliche Gesundheit wird in den nächsten Jahrzehnten eine wesentliche Voraussetzung auch für zahlende Passagiere bleiben, wenn sie als Tourist in den Erdorbit fliegen wollen. Deren körperliche Fitness soll zwar einigermaßen gut sein, ist aber nicht das wesentliche Kriterium für Flüge ins All.