Ärztliche Vorsorge und Vorbereitung für berufliche Langzeitaufenthalte im Ausland
Dr. Eberhard Stockmann, Siemens, Erlangen
 
Die Globalisierung der Märkte führt zu einer stark zunehmenden Mobilitätsnotwendigkeit vieler Mitarbeiter. Hieraus ergeben sich auch für den Betriebsarzt deutlich veränderte und/oder erweiterte Aufgabenbereiche. Neben der Erhebung der gesundheitlichen Befähigung des Mitarbeiters für den beruflichen Auslandsaufenthalt, sowie der Durchführung der notwendigen Impfungen, ergeben sich für den Betriebsarzt häufig Fragen und Probleme durch den Umstand, dass viele Mitarbeiter bei Langzeitaufenthalten von ihren Familien begleitet werden.
Informationen über lokale Gesundheitsrisiken, örtliche medizinische Versorgungsmöglichkeiten, sowie Behandlungswege im Notfall werden zunehmend vom Betriebsarzt erwartet.
Der wirtschaftliche Erfolg einer Firma hängt wesentlich von der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Belegschaft ab. Die Realisierung dieser Eigenschaften setzt jedoch unter anderem eine stabile Gesundheit der Mitarbeiter voraus. Hier ist neben der sozialen Fürsorgepflicht auch aus dem Blickwinkel der Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens der Betriebsarzt massiv gefordert. Kann er dem beruflich ins Ausland reisenden Mitarbeiter durch sachkompetente Beratung das Gefühl vermitteln, dass die Firma sich um ihn und seine Gesundheit kümmert, so wird dieser im Ausland eine andere Bereitschaft entwickeln, seine an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen.

Wie oben bereits erwähnt, sind gesunde, leistungsfähige und -willige Mitarbeiter Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens.

Dies erfordert:
  • Maximales Leistungspotential des Mitarbeiters
  • Minimale Ausfallzeiten des Mitarbeiters
  • Maximale Leistungsmotivation des Mitarbeiters
  • Bereitschaft zur Mobilität ("Global Player")
Arbeitsaufenthalte in den Tropen bzw. in Ländern mit problematischem hygienischen Niveau können für den Mitarbeiter einer nicht einheimischen Firma spezielle Probleme bedeuten.
  • das gewohnte Umfeld ändert sich
  • häufig Ernüchterung nach anfänglicher Euphorie
  • Kultur- und Sprachprobleme können zu Schwierigkeiten führen
  • Isolation
  • häufig Kontaktschwierigkeiten mit Einheimischen
  • bei längeren Aufenthalten kann es zu einer Entfremdung vom heimatlichen Freundeskreis kommen
  • problematische Sicherheitsbedingungen auf den Baustellen
  • Mögliche Probleme durch die räumlichen Trennung von der restlichen Familie
  • Mögliche Probleme durch das enge Zusammenleben mit Kollegen auf der Baustelle
  • Alkoholprobleme ?
  • Wichtig: Hobbys zum Ausgleich ( Musik, Sport u.ä. )
Wird der Mitarbeiter von der Ehefrau/Freundin begleitet, so ergeben sich zusätzliche Fragen, die nicht selten Ursache ernsthafter Störungen sind:
  • die Ehefrau gibt häufig zugunsten des Ehemannes ihren eigenen Beruf auf
  • ist sie wegen "seiner" Karriere zum Auslandsaufenthalt überredet worden ?
  • hat sie Vorbehalte gegenüber dem Zielland ?
  • ist sie in der Lage, sich selbst zu beschäftigen ?
  • ist sie kontaktfreudig oder eher -scheu ?
  • ist die Ehe stabil oder eher problematisch ?
  • Schwierigkeiten in der Familie oder zwischen den Eheleuten führen oft zu einer deutlichen Leistungsminderung des Mitarbeiters
Um im gemeinsamen Gespräch auf diese Punkte eingehen zu können, macht es sicherlich Sinn, wenn sich das Ehepaar/Paar gemeinsam einer Ausreiseuntersuchung beim Betriebsarzt unterzieht.

Bei Arbeitsaufenthalten mit der Familie in den Tropen hat sich in der Praxis immer wieder herausgestellt, daß
  • Kinder sich in der Regel schnell und problemlos akklimatisieren,
  • i.a. wenige Probleme bei Säuglingen und Kleinkindern entstehen.
In größeren Städten existieren häufig deutsche oder internationale Schulen und Kindergärten. Eine gewisse Vorsicht ist geboten bei Auslandsaufenthalten mit Kindern, welche unter chronischen Erkrankungen leiden, da nicht immer davon auszugehen ist, daß eine adäquate medizinische Versorgung sichergestellt werden kann.