REISEMEDIZINISCHE ASSISTANCE IN INDIEN
Dr. med. Kalyan S. Sachdev, Leitender Arzt , Privat Hospital, Gurgaon/New Delhi
 
Täglich sind in Indien etwa 64 Millionen Menschen mit Bahn, Autobus, Privatfahrzeug und Flugzeug unterwegs. Mehr als 500.000 Autobusse und 40 Millionen andere Kraftfahrzeuge legen täglich zusammen ca. 3,5 Millionen Kilometer zurück. Jährlich fliegen mehr als 12 Millionen Menschen mit innerindischen Fluglinien. Im Bereich der medizinischen Versorgung sind mehr als eine Million Menschen in über 200.000 Einrichtungen tätig. Die Notfallversorgung der Reisenden und der ansässigen Bevölkerung wird in diesen Institutionen an Ort und Stelle durchgeführt. Die medizinische Assistance der Reisenden übernehmen Bürger und Polizei oft mit einfachen Mitteln. In abgelegenen ländlichen Gebieten sieht es in der Regel so aus, dass die Erkrankten und Verletzten auf Ochsenkarren, Pferdewagen, Traktoren oder in Polizeijeeps zum nächstgelegenen medizinischen Zentrum transportiert werden. Krankenwagen sind im allgemeinen nur in städtischen Gebieten zu finden und einige Krankenhäuser haben eigene Krankenwagen. Diese sind jedoch unterschiedlich ausgestattet, meistens nur mit Sauerstoffgerät und einigen Notfallmedikamenten. Nur in seltenen Fällen ist ein Krankenwagen mit Telefon oder Funk ausgerüstet. Aber auch gut ausgebildete Pfleger sind Mangelware.

In manchen Fällen dauert es recht lange, bis ein Reisender auf eine medizinische Assistance zugreifen kann. Dafür gibt es vielfältige Gründe: Es liegt an der bereits erwähnten Infrastruktur des Landes, wie zum Beispiel an der Entfernung zur nächstgelegenen medizinischen Einrichtung, an der Erreichbarkeit des Ortes, an den Möglichkeiten zur Telekommunikation, aber auch an den finanziellen Möglichkeiten und der psychischen Verfassung des Patienten. Unter Umständen kann es in Indien Tage dauern, bis Hilfe eintrifft.

Das Land verzeichnet jährlich kaum fünf Millionen ausländische Touristen. Diese genießen in der Regel viel bessere Chancen auf eine schnelle medizinische Assistance. Denn bei ihnen kommen einheimische Bürger und Polizei schneller zur Hilfe. Kranke und verletzte Ausländer werden schnellstmöglich mit Polizeiwagen oder mit einem anderen Fahrzeug zum nächsten Krankenzentrum gebracht. Falls der Patient seine Angehörigen nicht selbst verständigen kann, übernehmen dies einzelne Bürger und die Behörden. Sie informieren im allgemeinen die höhere behördliche Instanz oder wenn die Staatsbürgerschaft des Ausländers bekannt ist, die zuständige Landesvertretung. Diese informiert dann die Familien und schaltet Vertrauensärzte und Versicherungen ein, so dass eine medizinische Assistance dem erkrankten oder verletzten Reisenden bald Hilfe gewährleistet. Bei den Expatriaten, also bei allen, die sich beruflich im Ausland aufhalten, erhalten die Familien und Firmen die Erstinformation. Die niedergelassenen Firmen haben normalerweise ohnehin Kontaktpersonen, die die reisemedizinische Assistance organisieren.

Von entfernten oder gar abgelegenen Orten kann der Krankentransport auch über Linienflugzeuge oder über die Flugambulanz erfolgen. Es gibt einige Assistance Gesellschaften, die eine Flugrettung mit gecharterten Flugzeugen oder Hubschraubern verschiedener Typen organisieren.

Leider ist die Anzahl des flugmedizinisch ausgebildeten Personals in Indien noch sehr gering. Die Reaktionszeit liegt bei zwei bis fünf Stunden. Um eine gute Versorgung zu gewährleisten, muss das medizinische Personal mit allen Techniken der Notfallmedizin gut vertraut sein. Oftmals ist jedoch eine genaue Auskunft über den Zustand des Patienten nicht erhältlich. Flugarzt und begleitendes Pflegepersonal müssen daher manchmal unter sehr schwierigen Umständen und mit hohem Risiko arbeiten. Eine weitere Schwierigkeit bilden hin und wieder die äußeren Bedingungen. Der Abflug einer Maschine ist natürlich auch von Wetter und Landebedingungen am Zielflugplatz abhängig sind.

Noch in diesem Jahr soll in Indien eine Helicopter-Ambulanz eingeführt werden. Es ist zu hoffen, dass sich die medizinische Betreuung, insbesondere die reisemedizinische Betreuung, damit verbessert. Auch im Bereich der telemedizinischen Übertragung von Patientendaten gibt es Fortschritte, die bei der reisemedizinischen Assistance in Indien und beim Weitertransport der ausländischen Patienten in ihre Heimat eine große Hilfe darstellen.