Entwicklung des EU-Gesundheitsmarktes und Aspekte reisemedizinischer Assistance
Günter Danner, M.A.; Ph.D. Brüssel
 
In kaum einem anderen Wirtschaftsblock unserer Welt sind die gesundheitlichen Interessen der Bürgerinnen und Bürger, seien diese nun Ferienreisende, Geschäftsreisende oder mittel- und langfristig ins Ausland entsandte Arbeitskräfte, so erschöpfend geregelt wie in der Europäischen Union. Zusätzlich zu den teilweise aus alten Zeiten stammenden zwischenstaatlichen Sozialversicherungsabkommen schafft die europäische Rechtsverordnung 1408/71(EG) unter anderem als Rechtsgrundlage des wohl fast allen gesetzlich versicherten Personen bekannten "Auslandsreisekrankenscheins" zumindest formalrechtlich ein weitgehend lückenloses Schutznetz für die EU und die Staaten des Europäischen Wirtschaftsraumes. Der Tourist, den eine Krankheit am Urlaubsort ereilt, soll, so will es das geltende Recht, dem inländischen Sozialversicherten gleichgestellt sein und konsequenterweise ebenso Anspruch darauf haben, vor Ort adäquat erstversorgt zu werden.

Ausdrücklich ausgenommen sind nach deutschem Sozialrecht Leistungen der heimischen Gesetzlichen Krankenversicherung für Rücktransporte von Versicherten. Die seinerzeit überaus mobilitätsfördernde Rechtsverordnung hat, insbesondere in anderen Bereichen der Sozialversicherung, kaum etwas von ihrer Bürgerfreundlichkeit eingebüßt. Neue Entwicklungen im Krankenversicherungsbereich offenbaren allerdings einige Probleme. Einmal ist der Qualitätszustand der EU-Gesundheitssysteme eben alles andere als identisch und auch nur bedingt qualitativ vergleichbar. Mangelsteuerung, Staatsmedizin mit Wartelisten und schlechte Angebotsstrukturen in manchen Mitgliedstaaten machen insbesondere solchen Personen Probleme, die nach deutschem Standard versichert sind und das gewohnte hohe Qualitätsniveau unserer medizinischen Versorgung überall erwarten. Dies klappt schon in manchen Nachbarstaaten nicht immer problemlos.

In vielen EU-Staaten, insbesondere den südlicheren, ist Gesundheit trotz Bestehens eines "koordinierungsfähigen" Sozialsystems zumindest dann Privatsache, wenn es um höhere Qualität oder komplexere Versorgung geht. Zudem versuchen auch ausländische Ärzte ihr Einkommen u.a. dadurch aufzubessern, daß sie den "Krankenschein E 111" nicht akzeptieren und statt dessen Barzahlung ,auch schon einmal rechtswidrig, einfordern.

Mit zunehmender Mobilität von immer größeren Personengruppen entstehen zwangsläufig neue Versicherungsrisiken. Dazu zählen beispielsweise Langzeit-Zusatzkrankenversicherungen deutschen Rechts, die mit dem Ziel abgeschlossen werden, am Urlaubsort - oder gar dem juristischen Zweitdomizil - länger verweilen zu können als die übliche Urlaubspolice dies gestattet. Dazu zählt aber auch eine verbreitete Fernmobilität bis hin zum Risikourlaub, sei dieser geprägt durch persönlich erwählte Gefahren, wie Drachenfliegen oder Bergsteigen in europäischen Ländern oder den Abenteuerurlaub in tropischen Gestaden mit dem Risiko außergewöhnlicher Erkrankungen.

Wenig oder gar nichts ist den meisten darüber bekannt, was und wie bei einer schweren Erkrankung im Ausland und unter fremdsprachlichen Bedingungen vorzugehen ist. Zwar informieren die meisten Reiseveranstalter, Automobilclubs, die gesetzlichen Krankenkassen, private Versicherungen und andere Einrichtungen, doch mag so eigentlich wohl kaum ein gesunder Mensch sich für die kostbarsten Wochen des Jahres vorab detailliert mit solchen Problemen belasten. Grundsätzlich sind die Europäische Union und die nationalen Regierungen über das beschriebene Maß in diesem privaten Bereich nicht eben fühlbar aktiv.

Allerdings haben die enormen Reiseerleichterungen durch den Binnenmarkt und unser wachsender Wohlstand dafür gesorgt, daß gereist wird, wie niemals zuvor. Dies führt zweifelsfrei zu erhöhten gesundheitlichen Risiken, die zumindest in wesentlichen Teilen eben doch nicht durch die bestehenden europäischen Regelungen aufgefangen werden. Mit dem fortschreitenden Erweiterungsprozeß der EU werden diese Fragen vermutlich noch aktueller. Der Tourismus hat in erheblicher Weise dazu beigetragen, daß kulturelle und politische Barrieren überwunden werden konnten. Als Bestandteil unseres Lebensstils ist dieser bedeutende Wirtschaftszweig längst mehr geworden als vorübergehend konsumierter Luxus.

Qualifizierte reisemedizinische Beratung trägt dazu bei, daß Menschen informiert, risikobewußt und vorbereitet Erkrankungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Sollte es dennoch dazu kommen, kann professionelles Wissen, bis hin zur "Patienten-Fernsteuerung" aus der Heimat, zusammen mit einer sinnvollen Absicherung bestehender Versicherungslücken vor bösen Überraschungen mit möglicherweise langwierigen Folgen schützen.

Stimmt die Tendenz, daß Reisen künftig, zumindest für diejenigen, die sich derlei leisten können, lieber noch weiter weg vom "Gewohnten" führen werden, so erreicht auch der vielleicht körperlich nicht aktivurlaubgestählte Durchschnittsmensch Regionen mit nicht unerheblichen gesundheitlichen Risiken und teilweise überaus fragwürdiger medizinischer Infrastruktur. Spätestens dann könnte ein auf die Probleme von Personengruppen und Regionen abgestimmtes reisemedizinisches Beratungsangebot als Bestandteil von Angeboten vom Markt nicht mehr wegzudenken sein.